Samstag, 18. November 2006

Zwischenhirnausfälle und der Satz vom zureichenden Grund

[Heidelberger Totentanz,
Heidelberger Druck von 1488
Universität Heidelberg]

Es gibt höchstens eine Handvoll Themen von denen ich mich wohl auch den ganzen Rest meines Lebens Windmühlengleich verfolgt sehen werde. Und wassollichsagen: kaum sind einmal die treue Rosinante und mein wackerer Sancho Pansa nicht in Armlänge präsent, weist mich bei jeder sich mehr oder auch weniger bietenden Gelegenheit der Arzt, der besser Wirt geworden wäre, darauf hin, dass die Menge des täglich von mir konsumierten Weins - nicht nur im Kranken-haus aber auch dort - wenig förderlich ist für eine baldige Genesung.

Ein tägliches Ritual und wohl so eine Art Kompensation für seine bedrohlich-zyklischen Niederlagen beim Schach das er ganz offensichtlich noch deutlich weniger als ich beherrscht und das Herrschaften, soll schon was heißen! Heute Vormittag jedenfalls machte er sich gleich restlos zum Affen und zitiert nach der täglichen Ermahnung nicht nur sehr zusammenhanglos Leibniz frühaufklärerisches „Jeder Mensch besitzt Fähigkeiten zur vernünftigen Lebensführung.“ den er wohl seit Tagen auf meinem virtuellen Schreibtisch liegen sah, nein er legt verwegen frech - sich ans allgegenwärtige Stethoskop klammernd - noch gottgleich nach: „nihil fit sine causa“. Mit solch ernsthafter Gestik und Mimik untermalt, die er fraglos lange vor dem Spiegel einstudierte. Höchstwahrscheinlich gibt es sogar im Medizin-Hauptstudium ein Pflichtseminar das einen zu schauspielerischen Leistungen treibt und sehr neidlos gestehe ich ein, dass das Genrebild kaum mehr zu toppen ist. Noch dramaturgisch dichter wäre es höchstens wenn Oberschwester Melanie S. in ihrer frisch gestärkten Maria-unbeflecktweissen Schwesterntracht mit Palmenzweigen in beiden Händen ihn wiegenden Schrittes umtanzen würde, während er Leibnizzitate absondert.

Sein prüfender Blick zeigt an, dass er nun wohl eine Geste der Unterwerfung sehen möchte doch ich weise den Arzt, der besser Wirt oder vielleicht auch Schauspieler geworden wäre, darauf hin, dass der von ihm hingeworfene Satz vom zureichenden Grund auf Demokrit zurückgehe und einer der vier Ursachearten des Aristoteles entspreche und frage - zugegeben etwas launisch - nach, ob ihm denn bei Gelegenheit bereits zu Ohren gekommen ist, dass die Wissenschaft seit geraumer Zeit bei der Quantenmechanik angekommen sei. Väterlich wohlwollend rate ich ihm bei Gelegenheit einmal die „Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik“ zu wikipedieren. Die von ihm erwartete Unterwürfigkeit weicht allerdings zwischenzeitlich von der vom mir gezeigten in einem so bedrohlichen Masse ab, dass ich ihn zunehmend verärgert sehe und meine tägliche Ration Wein mehr als gefährdet bezeichnet werden muss. Um ihn zu erheitern zitiere ich daher die „Seuffzer eines Podagricin bey anschauung eines glases mit wein“, 1685 von Gottfried Wilhelm Leibniz verfasst:

Du Edles Traubenbluth, dein anblick ist zwar süße,
Du stärkest häupt und Hirn; schwächst aber Händ und füße.
Ich halte viel von dir, doch bistu mir zu scharff,
wohl deme der dich liebt, und auch genießen darff.

Was kan wohl irgend guths ein wasser-trincker schreiben
wenn hundert bäche schohn sein Mühlenrad umbtreiben,
das wasser gibt kein feür davon der geist erwacht,
Dann nüchtern komt heraus was nüchtern wird gemacht.

Nachzulesen in der bibliotheca Augustana oder natürlich auch hier. (Für die Verdienste um die Gesammelten Schriften von Leibniz erkenne ich nachträglich noch die ‚DDR’ mit allen völkerrechtlichen Konsequenzen an.)

[Universität Heidelberg: Die Harnschau]

„Welcher daz Podagra hot, Dem ist der wein verbotten“ ist in Handschriften aus dem 15. Jahrhundert in Heidelberg zu lesen. Dort tauchen besonders häufig Rezepte gegen die Gicht auf: „Er soll drincken hünig wasser“. Ob gemäß diesem Rat immer Honigwasser statt Süßwein getrunken wurde, bleibt zweifelhaft. Vielleicht halfen ja auch gestoßene Eicheln in Ochsengalle: „doraus mach ein blaster das bind vff die füs oder hend das verdreibt daz Podagra“. Der Arzt, der besser Wirt oder vielleicht auch Schauspieler geworden wäre, weiß nun beizutragen dass aktuelle Studien den Wein exculpieren und Bier als den Verursacher der Gicht identifizieren. Wir wissen aber auch gar zu wenig über den Wein, der im Hannover des 17. Jhdt getrunken wurde und dem Leibniz hier nachtrauert.

„Traubenbluth“ legt ja Rotwein nahe aber ob die Süße nun physikalisch oder metaphorisch zu verstehen ist, muss wohl unklar bleiben. Hand- und Fuß-Schwächung erinnern ja durchaus an den gepanschten österreichischen Roten, der andererseits wenig glaubwürdig ist „Haupt und Hirn stärken“ und „dem Geist Feuer zu geben“. Württembergischer Lemberger kann letzteres schon eher. Nun wurden wir beide doch ein wenig nachdenklich und ich wusste noch zu berichten, dass ich mit der Bezeichnung „Podagra“ nicht nur geschwollen-schmerzhafte Füße und Hände memoriere, sondern auch sehr lautstarken skandinavischen Pønk. Und zitierte schließlich zum Troste und sehr väterlich-versöhnlich aus den Vagantenbeichten 12,1 von Archipoeta, meine baldige Entlassung herbeihoffend: „Meum est propositum in taberna mori!“

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