Freitag, 25. Juli 2008

Ssssiebzg Prozent … bei Loch 12

„Mit dem Joschka Fischer hab ich in der Batschkap oft rumgehangen, damals, und wir beiden hätten uns ja früher an der Startbahn West begegnen können“ sagt er nach mehreren demonstrativ meditativ in sich gekehrten Übungsschlägen. Dann macht er einen Schritt nach vorne, ein Schwung wie aus dem Lehrbuch, der Ball fliegt gute 200 Meter und kommt exakt in der Mitte des Fairways bei der roten Entfernungsmarkierung zu liegen. Franz, sehr karierte Hose, sehr karierter Pullunder und mit 12er Handicap, leitet die Personalabteilung der Bank, streichelt nun liebevoll über seinen 600 Euro-Driver bevor er ihn zärtlich in eine sehr ridiküle Schutzsocke mit Haiaufdruck verpackt und für meinen Geschmack übertrieben vorsichtig in den nicht minder ridikülen elektrisch angetriebenen Golfbag verstaut.

Ganz verbindlich nun wieder bei der Gruppe nimmt er jetzt Augenkontakt auf, und ich spüre sein synthetisches Interesse und die Nachwirkung zahlreicher Vertriebsschulungen beinahe körperlich. Während ich zwischen meinen vier Leihschlägern zu suchen vorgebe, bemühe ich mich möglichst doppeldeutig zurückzugrinsen. Schließlich angle ich das siebener Eisen – wenn es gut geht reicht das für rund 100 Meter. „Ja in der Tat“ antworte ich den Ball bei gelb aufteeend, „da hätten wir uns auch treffen können“ und betone etwas unzulässig lang das ‚auch’. Mike ruft von hinten: „Siebzig Prozent san mental, woast scho!“. Ein englischer Pro, Mittdreißiger und metrosexuell stylisch, aber er spricht wie der reinkarnierte Hans Moser, weil er vor zwei Jahren im Innviertel etwas gelernt hat, was er für Deutsch hält und sein After Shave riecht penetrant nach Tigerpisse – er wird am Freitag mit dem Vorstand das ProAm-Turnier bestreiten und uns bis dahin halbtags zur Verfügung stehen.

celticplatzn„Olright Mike, I woas des scho“ sage ich überaus eilfertig und ganz gelehriger Schüler zu Mike, fummle ebenso unkonzentriert wie unmental mit dem Schläger herum und befördere beim natürlich überhasteten Übungsschlag ein faustgroßes Stück Divot aus dem Abschlag, das mit dumpfem Ton nach ein paar Metern theatralisch aufploppt. Ich kann mir die hämischen Blicke der beiden Mitgolfer wirklich gut genug vorstellen und vermeide es tunlichst, mich umzudrehen. Ein Schritt nach vorne auf meinen Ball zu, Position aufbauen, und es gelingt mir ein überraschend guter und sogar halbwegs gerader Schlag bis zum Blau. Ich drehe mich mit wohl etwas zu aufgesetzt gelangweiltem Gesichtsausdruck zu beiden um, nehme meine Tasche und es geht auch schon weiter.

Als „Führungswerkstatt“ war die Veranstaltung angekündigt. Die Herren und die Dame würden unter meiner fachkundigen Moderation, so das telefonische Vorgespräch, eine Woche lang in kreativitätsfördernder Österreichischen Landidylle ein neues - natürlich effektiveres und effizienteres - System der Mitarbeiterführung entwickeln nebst fundierten Grundsätzen versteht sich, die jede Führungskraft ihren Mitarbeitern tagtäglich vorleben kann und wird. Ich habe wirklich nur kurz gestaunt, dass es heutzutage noch solche Aufträge gibt, aber ich bin jung und brauche das Geld bin käuflich. Schon nach einer Stunde ‚Moderation’ war sehr klar, dass es mehr darum geht, dass alle, Stab, Human Ressources und Finanzen, möglichst unversehrt und ohne dass größere gegenseitige Beleidigungen ausgesprochen wurden nach dieser Woche noch zusammen arbeiten können. Die notwendigen Ergebnisse würden wir keinesfalls in dieser Gruppe erzielen können, die nicht in Ansätzen in der Lage war zusammen zu arbeiten, effektiv oder effizient sowieso nicht. Nach drei Stunden kam der Vorschlag doch eine Runde Golf zu spielen, das würde doch den Teamgeist der Runde enorm fördern. Nun gibt es fraglos wenig Sportarten die noch ungeeigneter wären, den Teamgeist zu fördern aber das war mir schon egal, die aufgebotenen Mittel zu meiner Bestechung waren mehr als verlockend und so beschloss ich das angeforderte Konzept selbst auszuarbeiten und im Laufe der Woche mit allen so abzustimmen, dass alle der Meinung wären, es wäre ihres.

celticaltar Vor uns erscheint ein öbszön-monströser Steinstapel. Der Designer des Platzes hat auf Loch 12, einem nach links verlaufenden Par 4 Dogleg, etwas aufgeschichtet, was er den „keltischen Altar“ nennt. Dieser, so die Sonderplatzregel 4, stellt ein unbewegliches Hemmnis gemäß Regel 24-2 dar. Mein zweiter Schlag ist dermaßen unkontrolliert, dass der Ball den obersten Stein des Altars unbeweglichen Hemmnisses trifft und aufs Grün abtropft, der Ball – früher sollen die innen der besseren Flugeigenschaften wegen mit Honig gefüllt gewesen sein – trudelt wie nach dem Genuss von ein paar Veltliner in Richtung der Fahne und bleibt keine Schlägerlänge vor ihr liegen. Eine Entfernung die für Tiger Woods ebenso wie mich eine 100% sein müssen, im Gesicht von Franz zeíchnet sich kurzfristig die Grimasse der Vorahnung einer schmählichen Niederlage am schwierigsten Loch des Platzes ab. Aus der Hundertprozentigen Chance habe ich dann wegen offensichtlich mentaler Defekte aber doch eine Zweihundertprozentige gemacht und der karierte Golfer hatte sein Gesicht gewahrt – was ihm höchstwahrscheinlich später mächtig geholfen hat, mein Konzept als seines zu adoptieren.

Im Klubhaus kommt dann – grad so als ob noch nicht genug passiert wäre und ein mitleidig-unsichtbarer Regisseur noch eine zusätzliche Attraktion ins All-Inclusive-Programm einbauen wollte – das Celtic-Klub-Ehrenmitglied, der ewige Skifranzl Klammer auf den Mike zu und setzt grade an „Ssssiebzg Prozent …“ da fallen wir ihm schon ins Wort „san mental, woast scho!“ und er grinst sein breitestes Abfahrtshockeolympiasiegergrinsen. Und während ich noch, wie sich später herausstellen wird, allzu vorschnell, denke, dass ich Grobmotoriker hier noch ordentlich mein Handicap verbessern werde statt zu moderieren, weiß Mike gleich noch einen überaus wichtigen mentalen Tipp, den ich zum besseren Verständnis der vieltausendköpfigen Leserschaft der Einfachheit halber aus dem HansMoserDeutsch übersetze: „Golf ist keine Frage von Leben und Tod - Golf ist wichtiger.“ Und da haben selbst der sehr karierte Franz und ich einmal in sonderbar einmütigem Gleichklang aufgestöhnt in banger Vorahnung dessen, was da noch alles kommen könnte … und es kam – aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

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