Sonntag, 14. September 2008

Landgang: Gämuetlischkeid in Monktown

080911_33

[Affenstadt und letzter Landgang der Titanic]

In Monktown fand ich den Herrensitz des ländlichen Lords, das war grade mal einen Steinwurf entfernt von der Stelle an der die Titanic auf ihre erste und letzte Fahrt ging. Affen und untergehende (Dampf-)Schiffe also; sollten dies am Ende gütige Hinweise des Weltenlenkers für mich rastlos Wahrheitssuchenden sein oder doch wenigstens Elfenzauber die sich hierzulande ja in jedwede Angelegenheit einzumischen scheinen? Die Fahrt dorthin war jedenfalls ungewohnt qualvoll gewesen. Nun bin ich ja nicht zum ersten Mal in meinem erlebnisarmen Leben in einem Land, in dem auf der ganz und gar falschen Seite gefahren wird (aber noch immer steige ich stets auf der Beifahrerseite ein und empöre mich sehr über das plötzlich fehlende Lenkrad). Und hätte ich nicht unentwegt mein pyramidales „En-Ra-Ha“-Mantra auf den Lippen gehabt – wer solchen Witz nicht versteht, war dieses Jahr definitiv einmal zu wenig im Kino und muss nun einfach schauen wie er sein happygolucky bekommt, ich bin nun mal kein guter Witzeerzähler – und mir unablässig eingebläut links zu fahren, wäre ich nie und nimmer angekommen.

Das Gebäude jedenfalls war ein ungeahnter Ausbund an Scheußlichkeit und doch ausnehmend teuer am grünen Hang mit üppigem Meerblick gelegen. Der Architekt muss beim Entwurf sein zutiefst schizophrenes Wesen in therapeutischer Absicht ganz in diesem Bauvorhaben ausgelebt haben und hat so eine absurde Mischung aus bayerischem Toskanahaus, barockem Bauhaus, klassizistischem Jugendstil mit Südstaatenveranda und griechisch-römischen Kapiteln geschaffen – lediglich die frühägyptischen Entwürfe scheinen, warum auch immer, unberücksichtigt geblieben zu sein. Auf dem geharkten Kies vor dem Haus steht der arg zerschrammte nun doch deutlich weniger gediegen erscheinende Dienstwagen, enttäuscht stelle ich fest, dass keine Pferdeställe auszumachen sind, ich verkehre hier deutlich unter Niveau denke ich noch zur geselligen Einstimmung des folgenden Duells und strebe auf die massige, blutrote, gregorianische Eingangstüre zu, doch die Tür öffnet sich lange, bevor ich die in Bronze gehaltene Klingel erreicht habe – ich werde wohl erwartet.

Die ganz in rosa gekleidete, weißhaarige Gastgeberin schickt die – vermutlich polnische – Hausaltshilfe recht barsch in die Küche und mustert mich, ganz von Elisabeth verschonter Irischer Landadel, ebenso unverholen wie ungeniert ausführlich. Sollte es jemals, warum auch immer, eine Widerholung dieses Zusammentreffens geben, nehme ich mir trotzig vor, während ihre kleinen grauen Augen unablässig einen Scanningprozess durchführen, werde ich mir beim Kostümverleih einen ordentlichen Kilt besorgen und mir frech ein wasserdichtes enges verwandtschaftliches Verhältnis mit dem schottischen Hochadel zulegen. Kurz bevor ich wirklich ungeduldig zu werden drohe, setzt sie ein Lächeln auf, das aufgemalt nicht künstlicher wirken könnte und geleitet mich in die Bibliothek, in der der Provinzfürst in einem ridiklül-karierten, hellbraunem Tweedjackett im Lehnstuhl sitzt.

Gerade als er sich erhebt und mir vermutlich erklären will, ich möge es mir doch gemütlich machen – ein Ansinnen, das er mir seit Tagen vorbringt, gebe ich sehr kühl mein Erstaunen zum Ausdruck, dass doch eigentlich ein Meeting des gesamten Teams geplant war. „Das“ sagt er in einem mir ganz und gar verhasst-väterlichen Ton, „hätte er gecancelt, weil es doch besser sei, wenn wir beide erstmal ins Reine kämen und die ‚dirty tricks campaign’ ad acta legen“. Was er so nennen würde, antworte ich gespielt emotionslos im Tonfall eines desillusionierten Grundschullehrers, wäre andernorts ein gut geführtes Projekt. Und blicke durch die bodentiefen Fenster der Bibliothek auf die Bucht von Cobh, den Hafen von Cork.

Und obwohl es gerade mal Afternoon und somit bestenfalls Teatime ist, macht er noch mal einen vermutlich letzten Anlauf und führt mir seine sehr beachtliche Whiskey-Sammlung vor. Immerhin insofern will ich seiner Vorstellung von Gemütlichkeit (Landlord himself spricht das immer höchst pseudo-german ‚gämuetlischkeid’ aus) und entscheide mich – auch, aber selbstredend nicht nur um ihn zu ärgern – für einen dreißig Jahre alten Malt von den Outer Hebrides. Ach, und dann wurde das irgendwie doch noch gar nicht so aufgesetzt wie befürchtet und ich bin dank Karma und dem magischen Wissen um die Bedeutung des „En-Ra-Ha“-Zaubers einige Gläser später auch bustermässig-cool nach Hause gekommen, ohne nennenswerten Schaden anzurichten und das ganz fern der Heimat und auch und vor allem der sehr Geliebten wohlgemerkt! Aber beim nächsten Mal – soviel ist ganz und gar sicher – erscheine ich als hochgeadelter Scotie MacBuster im altehrwürdig-kariertem Kilt.

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