Sonntag, 21. September 2008

Exquisite Corpse

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Moss lehrt am Trinity College neuere Kunstgeschichte und wohnt ansonsten tagsüber nach eigenen Angaben im Cafe des Museum of Modern Art auf ‚seinem’ Sofa (das er hin und wieder mit einer Bank im Innerhof tauscht um dort zu rauchen). Als er erfährt, dass ich aus Deutschland komme, spricht er die zwei Ausstellungen an, die gerade von Deutschen Künstlern stattfinden.

Ich muss ihm gestehen, dass ich Janaina Tschäpe bislang gar nicht kannte: Ihre Ausstellung mit dem Titel ‚Chimera’ beinhaltet aktuelle Gemälde die auf den ersten Blick unglaublich lebhaft, surreal, melancholisch und formenreich-mehrdimensional erscheinen. Vieles wiederholt sich freilich und es ist innerhalb der von ihr verwendeten Medien ein für mich störender Gleichklang aber nicht unbedingt eine Entwicklung zu erkennen.

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[Janaina Tschäpe: Ohne Titel, 2007 (Serie botanical notations), Ausschnitt]

„What makes a Chimera a fearful monster isn’t any of (its) traits in particular, but the fact that they all combined in a single being“ sagt sie im Interview mit der Kuratorin. Ob Zeichnungen, Fotografien, Gemälde oder die Videoinstallation auf vier Leinwänden (Blood, Sea, 2004): Überall wiederholt sich das Thema unentwegt und etwas angestrengt weil es immer aus gleicher Perspektive angegangen wird und sie spricht auch selbst von „media amalgamation“ um ihre Arbeitsweise der Synthese auszudrücken.

Tiefpunkt ihrer Ausstellung ist jedoch eine sehr umfangreiche Arbeit von einhundert großformatigen Fotografien (100 Little Death (1996-2002) die sehr aufwendig und mir viel zu ästhetisch komponiert wurden, auf jeder Arbeit liegt irgendwo ein(e) Tote(r) und das soll „danger and the horror for an artist of a failure of ideas“ ausdrücken. Selten wurde schöner und ästhetisch anspruchsvoller gescheitert, sage ich und Moss muss laut lachen.

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[Ulla von Brandenburg: Nummer Drei, 2006]

Ulla von Brandenburgs Arbeiten, die unter dem Titel “Whose beginning is not nor end cannot be” (das ist ein – sehr wunderschönes – Zitat von Magen John Dee) ausgestellt werden, zeichnen sich ebenfalls durch eine großen mediale Vielfalt aus (es werden Zeichnungen, eine Installation, eine Wandmalerei (Forrest, 2008, Acryl auf Wand) und der 16 mm-Film „8“ von ihr gezeigt. Sie verfolgt ihre Themen sehr komprimiert in unterschiedlichen Kontexten: Zeichnungen etwa werden zu Vorstudien für Filme, Filmrequisite wird zum Kunstobjekt und Performances nehmen Bezug auf Wandmalereien. Für von Brandenburg steht dabei jedoch nicht die Synthese verschiedener Elemente im Fokus, sondern, und das macht die Arbeiten so fruchtbar, die wechselseitige Reflexion und im besten Falle auch Verfremdung ist es, durch die sie komplexe Themen ganzheitlicher erschließt.

Das ist, bleibt Moss sehr britisch höflich distanziert, eine sehr unakademische und erfrischende Art mit der ich mich da der zeitgenössischen Kunst nähere. Und dann spielen wir noch das Spiel, welche drei Bilder in der aktuellen Ausstellung ein ‚Must See’ sind und man dringend empfiehlt anzuschauen. Und er wählt - wenig aufregend wie ich finde - einen Polke auf Platz drei, einen Duchamp auf dem zweiten und auf dem ersten Platz von Vik Muniz: Portrait of Alice Liddel. Meine Must See sind natürlich viel unkonventionell-unakademisch intuitiver:

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Drittens: [Miquel Barceló: Le fleuve Niger 1 No. 33, 1988]

Aus seiner Ausstellung ‚The African Work’, eine wie ich finde ausgesprochen abenteuerliche Mischung aus sehr emotionalen und tiefgründigen, technisch sehr anspruchsvollen, Arbeiten und daneben und offen gesagt sogar überwiegend: Viel abgrundtief schlechter Ethnokitsch, mit schnellem Pinsel lustlos aufgeramscht.

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Zweitens: [Eulàlla Vallderosa: Estructura Humana. El Medic del Mon, 1993]

Aus der Ausstellung „Order, Desire, Light“ mit 250 Zeichnungen von internationalen Gegenwartskünstlern die eine unglaublich große Bandbreite von expressionistischen Arbeiten bis hin zu Zitaten der Konzeptkunst enthält.

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Erstens: [Rebecca Horn: Take me to the other side of the ocean, 1991].

Aus der grade gespielten zweiten Runde des “Exquisite Corpse”. Ziemlich ungewöhnlich für mich diese erste Wahl aber: Blauer können Sehnsüchte nun mal nicht ausgedrückt werden, kreisförmiger kann auf-der-Stelle-treten und hoffen, dass es voran geht, nicht dargestellt werden.

Und das war auch schon das Stichwort, noch gemeinsam einen neuen Wein zu trinken auf das Wohl der Surrealisten die das „Le cadavre exquis boira le vin nouveau“ vor immerhin 83 Jahren zum ersten Mal gespielt haben, an Arbeit und Projekt ist da gar nicht mehr zu denken ...

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