Sonntag, 31. August 2008

Bloß zum Verkaufe: Nächstenliebe, Selbstkritik und Waschen

„Selbstkritik ist ebenso notwendig, wie es notwendig ist, zu waschen“ ist von der Rede von Maxim Gorki „An die 2000 Pioniere in der Polarstadt Igarka“ von 1936 überliefert – und mir als einziger Satz der ganzen Rede hängengeblieben, analysiere das wer will, ich stehe da schon lange sehr drüber (meinethalben auch drunter) vor lauter sublimieren.

Nun leben wir ja heute gewiss in einer Zeit in der wenig Selbstkritik geübt wird und gleichzeitig dennoch gewaschen werden muss: Mal sich selbst, anderntags vielleicht auch die Wäsche oder – das ist mir jetzt ganz fremd – das Auto oder die Fenster. Zur fehlenden Selbstkritik kommt schließlich noch erschwerend hinzu, dass der Verbraucher heutzutage (und mag er auch ‚mündig’ und somit geadelt sein) nicht mehr so recht aus eigenen Stücken unterscheiden kann, ob er gerade das Kulturprogramm der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verfolgt oder seiner Waschmaschine (Energieklasse tripplA+ versteht sich) bei der Schmutzwäsche zusieht. Nur konsequent scheint es daher dass auf den 160.000 Quadratmetern der Funkausstellung - pardon der internationalen Funkausstellung natürlich - die sehr künstlich gezogenen Grenzen zwischen Unterhaltung und täglicher Verrichtung (wie etwa dem selbstkritikfreien waschen) aufgehoben werden. Zu verwirrend dieser Gedankengang? Nun denn, dann übergebe ich ihn wie auch die Grenzziehung zwischen brown- und whiteware hiermit dem ortsansässigen Haus der Geschichte und komme – wenn meine erbaulichen Reden so wenig verstanden werden und auch weil schließlich ja der Kierkegaard vor lauter erbaulichen Reden am Ende doch arg christlich geworden ist – zu meinem eigentlichen Anliegen Ihnen eine kleine Anekdote über Hilfe am Nächsten (auch und selbst wenn er ungeliebt ist!) und die fast daraus folgende Umwälzung der herrschenden Verhältnisse zu skizzieren (zur allfälligen Erbauung und fürsorglichen Bestätigung Buster-gefälligen Lebenswandels versteht sich).

Als ich gestern mit allerlei Gepäck beladen zum Ausgang des hässlichen Hauses, das ich zu bewohnen derzeit gezwungen bin, strebe, sehe ich rechts in Höhe der sechs Briefkasten einen nicht unerheblichen Berg an Schmutzwäsche und inmitten des ganzen die ältere Dame die ein Stockwerk unter mir wohnt und mit der ich sagen wir einmal ein ‚gebrochenes’ Verhältnis pflege. Nun bin ich von Hause aus dazu erzogen worden, dass ich solch kompromittierende Situationen wie etwa Menschen die inmitten ihrer schmutzigen Unterwäsche in der Öffentlichkeit stehen wenn schon nicht übersehe so doch geflissentlich ignorieren sollte. Dies sei - so die stark ins pietistische hineinspielende Ansicht meines Elternhauses - für alle Beteiligte das Beste sprich Angenehmste. Natürlich muss ich nun schon rein sozialisationbedingt genau gegenteilig agieren und meine Ansprache war sicher auch der Tatsache geschuldet, dass jene ältere Dame durch mehrfache Intervention bei meiner im fernen Italien im doch höchstwahrscheinlich unvorstellbaren Luxus hausenden Vermieterin ursächlich für meine Kündigung zum Jahresende verantwortlich ist.

„Großer Waschtag heute?“ frage ich alle drei Worte unnatürlich langsam betonend um damit die Komik der Situation wenig filigran herauszuarbeiten und schaue begierig über ihre Schmutzwäsche grad so als gelte es zwischen den auf dem zimtfarbenen Steinboden verstreuten Wäschestücken einen faustgroßen Klumpen angespülten Bernsteins zu finden. Der Nachbarin ist solch eine schonungslos investigative Intervention freilich ausnehmend lästig wenn nicht gar peinlich. Dennoch hebt sie zu entschuldigenden Erklärungen an: Die Waschmaschine sei mitten im Waschen plötzlich stehen geblieben. In sechzehn Jahren sei solches noch nicht passiert und nun das. Der ganze Waschtag wäre verdorben, sie habe auch schon ihre Nichte verständigt, die nun mit dem Auto kommend das angefangene Werk bei sich zu Ende führen müsse.

Grad im unerklärbaren Affekt einer woher auch immer aufkeimenden Nächstenliebe Solidarität – manche mögen hier noch an das ganz gewiss ausgestorbene Wort ‚Gemeinsinn’ denken – schlage ich dieser (bislang mir nicht eben sehr verbundenen) Person vor, doch einfach meine Waschmaschine zu nutzen, die grade eben einen Meter neben der ihren steht. Die zwischenzeitlich zum vertraulichen Flurgespräch hinzugekommene, arg schmächtige Nichte vermag dies stark zu begrüßen – unablässiges Kopfnicken und Wiederholen der Worte „oh ja, oh ja“ scheinen dies jedenfalls offensichtlich zu bestätigen.

„Wozu muss eigentlich“ versteige ich mich nun in frühmorgendlich-sozialistischen Theorien des idealen Zusammenlebens „jeder eine Waschmaschine kaufen wo er sie doch nur ein paar Mal in der Woche benutzt?“ Solche rhetorisch geschulte provokative Frage bleibt freilich nicht ohne Widerhall: „Ja und im Urlaub“ fällt die ungeliebte Nachbarin wie zur Bestätigung ein „da benutzt man sie gar nicht“ und denkt auch diesem Gedanken lange und versonnen hinterher als gelte es noch eine heideggersche Weisheit aus dem Waschküchengespräch zu destilieren. „Oder nehmen Sie mal so etwas wie eine Bohrmaschine“ lege ich – entgegen meinen Gewohnheiten um diese Uhrzeit ungewohnt forsch nach – „jeder in der Straße, ja sogar im Haus hat eine und wie oft benutzt er sie?“.

Plötzlich merkten wir beide dann aber doch, dass das jetzt alles zu weit ging und so haben wir uns – kurz bevor in Bad Godesberg die Revolution ausgerufen wurde – aber dann doch unserer Grenzen besonnen und uns freundlich aber bestimmt verabschiedet nicht bevor ich ihr meine solide süddeutsche Waschmaschine und deren (geschätzte) fünfhundert Programmvariationen erklärt habe verbunden mit der Zusicherung sie könne „jederzeit in meiner Waschmaschine waschen“ und der freilich sehr unausgesprochenen Hoffnung, dass diese unsägliche Gemeinsamkeit ein schnelles und klares Ende habe. Spießer der ich bin werde ich froh sein, wenn ich auf solche Mitbürger nicht Rücksicht nehmen muss und zwar nur zweimal in der Woche wasche aber bitte doch wann ich will.

Und indem ich nun, verehrte vieltausendköpfipe Leserschaft, diese eigentlich peinliche Geschichte zur fürsorglichen Erbauung wie auch meiner selbstlos intensiven Selbstkritik dienend aufgeschrieben habe, sollte doch eigentlich wieder alles im Lot sein oder?

Nachsatz und Moral: „Was die Philosophen von der Wirklichkeit sagen, ist oft geradeso täuschend, wie wenn man bei einem Trödler auf einem Schilde liest: »Hier wird gerollt.« Käme man nun mit seiner Wäsche, um sie gerollt zu bekommen, so wäre man angeführt: denn das Schild steht da bloß zum Verkaufe.“ [S. A. Kierkegaard, Entweder-Oder]

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