löcken

Sonntag, 29. Juni 2008

Zwischen Fall und Flug

Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,
zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freilässt -, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.

[Rainer und Maria Rilke: Der Ball.
In: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908]

Dienstag, 17. Juni 2008

Herr A. kam nicht bis Düsseldorf

„Visions, Missions, Exit-Strategien – ich mache was sie so brauchen“ antworte ich ihm über meine Lesebrille hinwegblickend mit sorgfältig einstudierter Überheblichkeit auf seine Frage, ob ich als „Philosoph“ auch für Finanzdienstleister beratend tätig würde. Es gelingt mir dabei so gerade eben, dem Geflunker nicht auch noch eine Verbindlichkeit zu unterlegen, als ob es gelte zwischen uns einen Bausparvertrag für die nächsten dreißig Jahre auszuhandeln.

Ein Banker aus Düsseldorf ist mein Gegenüber den die verheerenden Fehlspekulationen der letzten Monate stetig weiter nach oben befördert haben. Nun sitzt er mir in der üblichen schwarzen Le Corbusier-Sitzgelegenheit gegenüber wie sie Banker in ihre weiträumigen Vorstandsetagen zu stellen pflegen. An den Wänden dekorativ pop-artiges, sehr unaufdringlich und überaus stimmig inszeniert; ohne kleinste Brüche, die darauf hinweisen könnten, dass hier gelebt wird. Heißen Menschen, die Betonfluchten solcherart aufhübschen eigentlich immer noch ‚Raumausstatter’?

Aristoteles vertritt die These, dass das Ziel aller absichtlichen Handlungen das im „guten Leben“ verwirklichte Glück ist – lag es daran, dass er keinen Shareholder Value, ja gar keine Banker kannte? Über Ethik hatte er mich gebeten zu referieren, fünfundvierzig Minuten vor einer handverlesenen Zahl seiner Kollegen. Ich dürfe auch gerne, hat er, ganz um eine vertrauliche Atmosphäre bemüht, noch zweifach am Telefon nachjustiert, die aktuelle Bankenkrise „zum Aufhänger machen“.

Und so habe ich ihm den Gefallen getan und aufgehangen, bin professorenhaft konzentrische Kreise abgeschritten um seine Kollegen, die in den Freischwingern wippten wie Schulkinder es zu meiner Zeit taten, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Ich war unverfroren - und offen gestanden auch beschäftigt - genug gewesen mich nicht vorzubereiten, nur eine Handvoll Zitate auf einem USB-Stick, der war dafür jedoch der Etage sehr angemessen goldfarbengrell. Die anschließende Erörterung war jedenfalls so kurzatmig bemüht wie ziellos. Einer der Herren glaubte gar über so etwas wie Halbbildung zu verfügen, was freilich schnell und bestimmt ausgeräumt werden konnte. „Sehen Sie, dafür verstehe ich so gar nichts vom Optionshandel in Chicagoer Schweinehälften“ habe ich ihn später geflissentlich freundlich verabschiedet und zweifle zwischenzeitlich sehr, ob er für das Erkennen solcher Boshaftigkeit überhaupt mit hinlänglich Sensoren ausgestattet ist.

Ethik gilt für Aristoteles als eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat, diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet. Die von den Sophisten vertretene Auffassung, dass es für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird bereite hierfür den Boden. Spätestens seit Aristoteles die Auffassung vertrat dass menschliche Praxis grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich sei, wissen wir jedoch gesichert, dass Aristoteles nie bis Düsseldorf kam.

Die Frau meines Gastgebers wurde hinzubestellt zum abschließenden Abendessen in „kleiner Runde“. Sehr unüblich eigentlich solche Besetzung eines Geschäftstermins um einen Vertrag auszuhandeln und noch überraschender aber für mich recht schnell zu erkennen, dass mein Gegenüber seine Frau, eine deutlich jüngere Brasilianerin, in seiner zwischenzeitlichen Position scheinbar schon mehr als Stigma begreift denn als den üblichen Zierrat. Meine fünf Worte Português mit der ich sie begrüße führen jedenfalls zu einer für mitteleuropäische Managementkreise deutlich zu emotionalen Begrüßung. Sie stellt sich als „Vera Cristina“ vor und ihr Mann scheint fortwährend zu leiden unter den überaus sympathischen Missachtungen geltender Verhaltensregeln seiner heute zu bunt bekleideten Gattin.

Das abschließende Essen findet, gerade so als ob es gelte einen größtmöglichen Kontrast zur chromglänzenden Vorstandetage zu finden, in einer Art Cantina im Düsseldorfer Süden statt. Der „echte Geheimtipp“ erweist sich als ebenso fragwürdig wie vieles an diesem Tag und fügt sich schon deshalb überaus angemessen ein. „Also wir können von Ihnen“ sagt mein männliches Gegenüber mit jovialer Betonung auf dem „wir“ beim letzten Glas Tapada Grande tinto und meint damit nicht das vor mir sitzende ungleiche Ehepaar sondern das Unternehmen mit dem er sich überaus eifrig zu identifizieren scheint, „noch jede Menge profitieren“. Aber im letzten Moment hält er die kurz aufzuckende Hand zurück die mir den für einen derben Kuhhandel angebrachten Handschlag anzubieten scheint. „Profitieren?“ erwidere ich sicher eine Handbreit zu unterkühlt, „ging es nicht irgendwie um Ethik angesichts der Bankenkrise?“ und proste Vera Cristina demonstrativ eine Sekunde länger als wahrscheinlich angemessen zu.

„Nicht um zu wissen, was die Tugend ist, machen wir die Ethik zum Gegenstand unserer Betrachtung, sondern damit wir tugendhafte Menschen werden, denn was hätten wir sonst für einen Nutzen davon?“ [Aristoteles, Nikomachische Ethik]
„Ethik kann so wenig zur Tugend verhelfen, als eine vollständige Ästhetik lehren kann, Kunstwerke hervorzubringen.“ [A. Schopenhauer: Aphorismen]

Freitag, 30. Mai 2008

Endlich klare Konferenzergebnisse

Nach nächtelangem Verhandlungspoker auf der Bonner Artenschutzkonferenz wird der Bundesumweltminister morgen früh erschöpft aber sichtbar stolz und glücklich im alten Wasserwerk vor die zahllosen Vertreter der internationalen Presse treten und erstmals greifbare und klar durchdachte Ergebnisse präsentieren (denen man freilich auch ein bisschen ansieht, dass sie in letzter Minute entwickelt wurden). Durch gewohnt hartnäckigen Investigativjournalismus kann Bei Chez Buster heute schon weltexklusiv das ausgefeilte und kompromisslose Instrumentarium vorstellen das fraglos das Artensterben ein Problem der Vergangenheit werden lässt:

verboten

* Zuwiderhandlungen werden ziemlich hart bestraft. Arten haften für ihre Kinder Unterarten. Näheres regelt dem dicken Patenonkel vom Knut Gabriel sein Bundesgesetz das er sobald er mal Zeit hat erlassen erarbeiten aufschreiben wird.
(Anm. Schriftführer:
ad 1) Text sollte noch geglättet werden.
ad 2) Der WiMi soll hier noch was reinschreiben nicht das das sonst gegen die Industrie geht am Ende)
ad 3) Gabriel will nochmal prüfen ob wir manches Viehzeug (Läuse, Zecken, Milchkühe u. dergl.) nicht besser doch aussterben lassen sollen.

Dienstag, 20. Mai 2008

Sieger ...

Sieger sind bloß gescheiterte Märtyrer.

schnipp

„Kein Sieger glaubt an den Zufall“
[F. W. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, 1887]

Mittwoch, 6. Februar 2008

Achse des Bösen und Geschenke des Himmels

Man könnte ja fast Mitleid mit ihm haben - wenn er denn nicht so durch und durch böse wäre. Er ist Schuld dass wir ausgelassen und gut gelaunt waren.
Dat wor dä Nubbel!

Dass wir faul, versoffen und unverantwortlich den letzten Cent für Bier ausgegeben haben.
Dat wor dä Nubbel!

Schuld hat er auch am völlig missratenen Motto für die Session 2009: „Unser Fastelovend himmlisch Jeck“.
Dat wor dä Meisner!

Mittwoch, 16. Januar 2008

Ein cholerisches Rumpelstilzchen in der analen Phase

Meine Leser wissen, dass ich immer und jederzeit zu Hartmut BahnCHEF stehe. Und so ein kleiner Ausrutscher beim Rechnen, Herrschaftszeiten, der Mann ist ein Tycoon und hat halt die Milliarden und Millionen durcheinander gebracht, wer einen Buchhalter und Cellospieler sucht ist hier eben fehl am Platze.

„Herr Mehdorn ist fehlfixiert auf den Börsengang und er agiert wie ein cholerisches Rumpelstilzchen zu Lasten der Bahnkunden und des Bahnpersonals. Deswegen ist er untragbar“ sagte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn der Frankfurter Rundschau und empfahl der rotschwarzgekleideten Äinschie Merkel den BahnCHEF flugs auszuwechseln. Nun ist der gute Fritz wenn schon kein Psychoanalytiker so doch immerhin Linguist und durfte sich auch mal für drei Jahre „Professor für sprachliche Kommunikation“ im heimeligen Stuttgart nennen. Deshalb sollte er eigentlich wissen, dass schon eine Fixierung eine wirklich saublöde Sache ist und mithin echt nicht gut, das Wörtchen „fehl-“ davor hätte es also gar nicht gebraucht, dennoch spielt er uns (unbewusst womöglich?) den Schlüssel zum Verständnis von all dem Gedöns in die fragenden Hände.

Was für den Grünen ein „cholerisches Rumpelstilzchen“ ausmacht beschreibt die Psychoanalyse noch treffender mit dem „analen Charakter“. Dabei wird vordergründig von der Darmentleerung gesprochen, ein großes Ganzes von „Zurückhalten und Hergeben“ (offensichtlich als düsteres Symbol für Tarifkämpfe!). Natürlich wird sich alles später durch Sublimierung und Reaktionsbildung im Charakter der Tarifpartner niederschlagen müssen. Jedenfalls ist das nicht mehr mit simpler Mathematik gegeneinander aufzurechnen. Alles ist irgendwie arg kompliziert hintergründig: Selbstredend werden durch die Friedenspflicht aka „Latenzzeit“ einige Charakterzüge nicht sofort sichtbar und so deutlich wie am Ende einer Tarifrunde, jedenfalls haben Menschen mit analem Charakter ein eher zwanghaftes Verhalten, rigide Rituale, gruppenstörenden Eigensinn und fallen durch übersteigernd sture Rechthaberei aber auch direkte Zwangssymptomatik auf.

Der BahnCHEF hat, folgt man dem Verständnis der Psychoanalyse, eine zu rigide Art der Sauberkeitserziehung durchlebt. Der Erziehungsberechtigte Tiefensee hat statt liebevoller und geduldiger Fürsorge mitten in der analen Phase des „Zurückhaltens und Hergebens“ beim Tarifpoker unseren BahnCHEFs plump autoritär behandelt und so lange gedrängelt und mit Eisenbahnentzug gedroht, bis der der Ohnmacht nahe BahnCHEF unter irgend ein Stück Papier seine Unterschrift gesetzt hat und damit eine „wirtschaftlich unsinnige Entscheidung“ (Hartmut) sanktioniert hat. Und solch verwerfliches Tun führt offensichtlich eher über kurz als lang zu einem rigideren, trotzigeren ergo analen Charakter, zu Rechenfehlern und überhaupt solchen hitzigen Brandreden.

Wenn das der Papa Tiefensee nur vorher gewusst hätte, dass der BahnCHEF nur Ofer ist und Verständnis und Zuneigung braucht! „Ich finde es schade, dass er einen guten Erfolg schlecht redet“, sagte der (noch!) verständnislos im ZDF-Morgenmagazin. Die Reaktion des BahnCHEFS sei „eine erste heftige Reaktion, für die ich kein Verständnis habe“. Hätte er doch nur einmal nachgesehen beim Siggi Freud dass durch Ausübung von Zwang in der Entwicklungsphase sowohl Symptom- wie auch Charakter-Neurosen entstehen können. Im Unbewussten vom BahnCHEF hat sich durch Tiefensees rücksichtslos autoritär manische Machtmanifestation der „Thanatos“ dominant entwickelt. Dieser Trieb ist eisiger Ausdruck der negativen Lebensenergie und kennt nur Zerstörung. Tja und Triebe sind nun mal treibende Kraft für alle Menschen und werden durch die Instanz des „BahnCHEF-ES“ (das Lustprinzip!) ausgelebt, eben der unbewusste Teil im BahnCHEF. Nach dem traumatisierenden Zwangserlebnis wollte unser Hartmut einfach sofortige Triebbefriedigung haben, ohne sich um Moral und Konventionen zu kümmern. Da kann man schon mal von Entlassungen reden und ein paar Zahlen durcheinander bringen. Doch, doch, so könnte das passiert sein.

Es könnte freilich auch so gewesen sein, dass ein cholerisches Rumpelstilzchen mit nicht nachvollziehbaren Zahlen hantiert, weil er sieht wie seine Felle davon schwimmen: Der Börsengang geht aus politischen Gründen zumindest vorläufig in den Orkus und die Gewerkschaften versauen ihm auch noch die saccharinsüße Bilanz, die geldgeile Investoren locken sollte. Aber das, liebe vieltausendköpfige Leserschaft, ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Montag, 7. Januar 2008

Deutschsein: Vom Hindukusch zur Münchner U-Bahn

„Deutschland wird“, so der allzeit blitzgescheite Peter Gauweiler in Wildbad Kreuth, „in Müncher U-Bahnen verteidigt, am Bahnhof Zoo in Berlin und in der Frankfurter Innenstadt". Hamburger, Kölner, Stuttgarter oder gar Bonner sollten jetzt nicht gleich beleidigt sein, weils dort nichts zu verteidigen gilt. Für alle freilich, die grade mit Jeeps, Panzern und Tornados „unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen“ wie es seinerzeit noch der überaus blitzgescheitere Peter Struck proklamiert hat, gibt’s nun gewiss ein großes Umdenken. Nur noch eine Frage der Zeit wird es sein, bis Tornado-Aufklärungsflugzeuge durchs DEUTSCHE Münchner U-Bahn-Netz tieffliegen, das Technische Hilfswerk am DEUTSCHEN Bahnhof Zoo eine Schule für benachteiligte DEUTSCHE Mädchen bauen wird und der DEUTSCHE Dow Jones und das DEUTSCHE Rotlichtviertel bis auf den letzten DEUTSCHEN Leopard Panzer und Goethes DEUTSCH für Ausländer-Schulungen verteidigt werden wird.

Die Talliban bei Handkäs und Applewoi am DEUTSCHEN Mainufer? Die Ballakbomber im DEUTSCHEN Berliner Nebenbahnhof? Muselmanen bei DEUTSCHEM Knut seinem Gehege? Die Diktatur der alten Herren im äh äh DEUTSCHEN Bayern?

Amerikaner werden München besetzen wie in den guten alten Zeiten, Christlich wird es wieder sein und ein bisserl Sozial natürlich, wie beim Königlich Bayerischen Amtsgericht dazumal und die ausländischen kriminellen Jugendlichen, das hat erst die Tage eine wissenschaftliche Studie herausgefunden, sind 100% ausländischer als die inländischen kriminellen Jugendlichen! 100%! Einhunderprozent! HimmelherrGOTTsakra, dös is doch super-signifikant! Also dann is doch wohl biddeschön alles klar, oder? Heil, äh, Danke Peter, alles klar jetzt.

Donnerstag, 3. Januar 2008

Es geschah am hellichten Tag ...

Während ich mit fiebrig zitternden Gliedern am Herd geklammert darüber nachsinne, dass das von mir erstandene Biohuhn aus der Eifel nicht nur ein erfülltes sondern offensichtlich auch ein langes Leben genossen zu haben scheint, bemerke ich die Bewegung wie zufällig aus dem Augenwinkel.

Vier vierschrötig viel zahnig Vermummte nähern sich katzengleich der Haustüre. Einer von ihnen überragt die anderen um mehrere Köpfe - offensichtlich ihr Anführer der sich in einer ochsenblutroten, Unheil verheißenden Robe gewandet, in zweiter Reihe hält. Vor ihm als lang eingeübte Angriffsformation drei kampfeslustig dreinschauende Spießgesellen, einer trägt am langen Stab einen giftig-metallisch schimmernden Stern, jederzeit bereit, ihn ohne mit der Wimper zu zucken dem erstbesten Widersacher über den Scheitel zu ziehen. Alle drei haben zu ihrem Schutz gezackte, goldfarbene Helme übergestülpt, rot wehende Umhänge sind schreiende Zeugen gieriger Mordlust des fanatisch-religiösen Mobs der wütend und blutrünstig gegen meine Haustüre brandet.

Trotz fiebriger Erkältung zögere ich keine Sekunde, bewaffne mich notdürftig mit der soeben lackierten Holzskulptur einer Rheingöttin und stürze zur Wohnungstür um entschlossen die erste Angriffswelle abzuwehren. Erst als ich die Tür aufreiße bemerke ich, dass ich zu spät komme: Die greise Nachbarin ist offensichtlich mit den fanatisch-religiösen Angreifern im Bunde und hat dem Mob dienstfertig den Weg zu meiner Türe gewiesen. Der kleinste der drei Kindersoldaten nennt sich Caspar und hält mir niederträchtig grinsend den metallisch gezackten Stab zur Drohung entgegen, Melchior, der mittlere, versucht meinen Widerstand mit Lobpreisungen und dem Hinweis, sie seien vom Herr GOTT gesandt, zu brechen während Balthasar, der Dritte, gerade einen tausendfach geübten Bannfluch mit von Papst Benedikt XVI persönlich geheiligter Kreide an meine Tür schreibt.

Pardon wird nicht gegeben, ich führe einen selbstlos verzweifelten Kampf zur Rettung der zivilisierten Welt. Als aber alle drei Angreifer für mich völlig unerwartet „Herr Jesu meine Zuversicht“ anstimmen, droht mein letzter Widerstand zu brechen. „20*C+M+B+08“ prangt als Fluch anklagend an meiner Türe und ihr Anführer, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Frau des ehemaligen Ministerpräsidenten und Superministers hat, weist darauf hin, dass nun eine ordentliche Spende angebracht sei. Schweißüberströmt wische ich mit der linken Hand in einer Reflexbewegung den Bannfluch von der Tür, stoße geschickt mit der Rechten den Dreizack beiseite und werfe, mich dabei um die eigene Achse drehend, die Türe zu. „Ein Veitstanz! Wie der Leibhaftige ...“ höre ich noch die greise Nachbarin ob der drohenden Niederlage weinerlich keifen während ich mich mit letzter Verzweiflung gegen die geschlossene Tür stemme die sich unter dem Wüten der Zombies im Hausflur und dem Ohrenbetäubenden Dröhnen biegt und zu zersplittern droht ...

Wer kann sie aufhalten, die 500.000 auf ihrem fanatischen Marsch? Morgen werden sie unbemerkelt das Bundeskanzleramt nehmen, am 6. Januar werden sich Horst Köhler und die Seinen vergeblich in der Verteidigung von Schloss Bellevue aufreiben. Am 15., so haben die Gotteskrieger bereits selbstbewusst angekündigt, wird im Europäischen Parlament in Straßburg der Präsi Pöttering mit dem Schlachtruf „Christus mansionem benedicat“ egalisiert, der ja nicht von ungefähr an den Ratzi Papsi Benedikt XVI. erinnert. Wird sich Schäuble nebst GSG9 als letztes Aufgebot selbstlos den Dreien auf der Rheinbrücke bei Kehl entgegenstellen? Wird die Menschheit überleben? Und wenn ja: Produziert dann Eichinger den von Emmerich gedrehten Blockbuster mit Arnold Schwarzenegger als Papst?

Fragen bleiben uns, nichts als Fragen ...

Montag, 31. Dezember 2007

Es läuft auf eins hinaus ...

„Die andern Leute haben Sonn- und Werktage, sie arbeiten sechs Tage und beten am siebenten, sie sind jedes Jahr auf ihren Geburtstag einmal gerührt und denken jedes Jahr auf Neujahr einmal nach. Ich begreife nichts davon: ich kenne keinen Absatz, keine Veränderung. Ich bin immer nur eins; ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom. Meine Mutter ist vor Gram gestorben; die Leute weisen mit Fingern auf mich. Das ist dumm. Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat, an Leibern, Christusbildern, Blumen oder Kinderspielsachen; es ist das nämliche Gefühl; wer am meisten genießt, betet am meisten.“

[Georg Büchner: Dantons Tod, Fünfte Szene]

Sonntag, 16. Dezember 2007

Zu Brüssel die Tage ...

071215_76n
[Die Grafen Egmont zu Brüssel, Buster 2007]

Silva. »Erkennen wir, nach vorgängiger genauer, gesetzlicher Untersuchung, dich Heinrich Grafen Egmont, Prinzen von Gaure, des Hochverrats schuldig und sprechen das Urteil: daß du mit der Frühe des einbrechenden Morgens aus dem Kerker auf den Markt geführt und dort, vorm Angesicht des Volks, zur Warnung aller Verräter mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden sollest. Gegeben Brüssel im« (Datum und Jahrzahl werden undeutlich gelesen, so, daß sie der Zuhörer nicht versteht.)
»Ferdinand, Herzog von Alba,
Vorsitzer des Gerichts der Zwölfe.«
Du weißt nun dein Schicksal; es bleibt dir wenige Zeit, dich drein zu ergeben, dein Haus zu bestellen und von den Deinigen Abschied zu nehmen.
(Silva mit dem Gefolge geht ab. Es bleibt Ferdinand und zwei Fackeln; das Theater ist mäßig erleuchtet.)

[J. W. von Goethe: Egmont]

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Das nenne ich mal Ausdauer!
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