Montag, 4. September 2006

Orte des Grauens (Teil 3)

… alles, was länger als zehn Minuten dauert in einem Friseursalon, fällt für mich unter das Folterverbot der Genfer Konvention. Meine meist-frequentierten Etablissements liegen daher bevorzugt an Flughäfen und Bahnhöfen: Sieben Tage die Woche geöffnet, keine Stammkundschaft, kein Ehrgeiz etwas richtig oder schön zu machen. Ich betrete den Laden und rufe schon an der Kasse „ich habe maximal zehn Minuten“ und das wird ohne Zögern akzeptiert. Der Mensch, der an meinen Haaren zerrt, will ein Gespräch anfangen und ich bitte um Ruhe und das wird ohne Zögern akzeptiert. So stelle ich mir das vor – so einfach kann das Leben sein. Aber diesmal kommt Mehmed auf mich zu. Ein Mensch, der es nur schön und richtig machen kann, ein Mensch, der zwei Minuten ohne Gespräch nicht überlebt … ich versuche noch den Ausgang zu erreichen, aber seine kräftige Hand hat bereits meine Schulter erreicht – es ist alles verloren …

Staubwolken über vergilbten Bücherrücken

Ich bin ein ordentlicher Mensch. Meine paar Bücher sind frisch eingereiht und ganz und gar staublos – da erst vor drei Wochen ausgepackt. Hinzu kommt, dass höchstens noch ein Zehntel meines Bestandes als physikalisches Buch vorliegt: keine 15 laufende Meter mehr jedenfalls und ich arbeite weiter dran. Unter Bücher-Staubstöckchen, mit denen man nach mir wirft, könnte ich mich daher ganz kaltschnäuzig wegducken wie der junge Jean Gabin in La bête humaine und gut wär’s. Könnte ich.

Ich bin aber nun mal ein hoffnungsloser Romantiker und glaube felsenfest ans Gute im Menschen, ja: Auch und sogar im semmel. Weil der semmel kann ja eigentlich nix dafür wo doch der Hufi alias "Bruce" Schuld hat an allem und so.

Ich könnte es mir auch einfach machen und vom Bücherstapel, der die Tage aussortiert wurde einfach die ersten zehn abgreifen. Aber ich mache so was nicht. Nein: Ich machte mir die Mühe, und ging im Schnellverfahren durch die eben einsortierten Bücher die ja eigentlich alle, alle ihre bittersüße Berechtigung haben sollten in meinem Regal zu stehen. Natürlich werde ich fündig und zehn Bücher sind in kürzester Zeit erlegt. Die erstbesten zehn in alphabetischer Reihenfolge:

Laurenz Andrzejewski: Trennungskultur. Handbuch für ein professionelles wirtschaftliches und faires Kündigungsmanagement.
Ein Outplacer, Newplacer, Trennungskultivierer schrieb ein Handbuch für Vorgesetzten für den Rauswurf der Mitarbeiter. Eine krude Mischung aus Waldorf-Kindergarten und Betroffenheits-Gruppenwerkstatt für führungsunfähige Führungskräfte. Das Buch hat mir der Personalchef meiner letzten Firma überreicht zusammen mit einer Liste von 50 Leuten, mit denen ich als ihr Vorgesetzter Kündigungsgespräche zu führen hatte.

Dirk Baecker: Information und Risiko in der Marktwirtschaft.
Furios gescheiterter Versuch über 380 Seiten mit Hilfe dessen, was der Autor so unter der „neueren Systemtheorie“ versteht, Fragestellungen der Soziologie und Nationalökonomie in „einen wirtschaftssoziologischen Ansatz“ zusammenzuführen.

Jean Baudrillard: Die Intelligenz des Bösen.
Im Regal entdeckt nachdem ich durch einen prominenten Bücherweitwerfer wachgerüttelt wurde. Es soll hier, erklärt mir der Klappentext, um „Reflexionen einer scheinbar kontrollierbaren Realität wie auch die Umkehrung dieser gegen sich selbst gehen“. Das Übermaß an Gesundheit gebiert laut Baudrillard den Virus, das Übermaß an Sicherheit die Bedrohungen. Ich muss so was nicht lesen oder gar verstehen wollen. Ich nicht!

Wolf Biermann: Das ist die feinste Liebeskunst – 40 Shakespeare Sonette.
Schock-Fund mitten in der Lyrik. Hatte ich das Buch wirklich nicht schon beim vorletzten Stöckchenspiel entsorgt? Eine überaus dreiste Anmaßung von Herrn Biermann in lindgrünem Einband, geschuldet seiner hoffnungsloser Selbstüberschätzung. Den Beginn des 91. Sonettes etwa („Some glory in their birth, some in their skill“) überträgt er debil: „Der prahlt mit Herkunft, der mit Was-er-alles-kann“. Weg damit, bevor’s jemand sieht!

Paul Davies: The Last Three Minutes.
Der laut Washington Times „beste Wissenschaftsautor beiderseits des Atlantiks“ versucht Astrophysik populärwissenschaftlich zu erklären. Immerhin scheint das populär zu sein, wenn ich mir die Auflagen ansehe. Nicht ansatzweise Wissenschaft vermittelnd, keine Erklärungen, sondern vermeintlich effekthaschende Aufzählungen und über große Teile hat der Herr Davies schlicht jeden Überblick verloren, was er eigentlich vermitteln wollte – falls er den je hatte.

Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts.
Die Welt des 21. Jahrhunderts ist flach, weil Mensch digitale Daten von beliebigen Winkeln der Erdkugel in andere verschicken kann, so die atemberaubende Kernthese für die Bäume gefällt wurden damit daraus Papier gemacht werden kann und der Herr Friedmann diese absolute Top-Neuigkeit drauf schreiben kann. Geht an der Globalisierungs-Diskussion um Kilometer vorbei.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel.
Ein Buch voller Daniels, schwergängig wie ein Getriebe, das seit 3000 Kilometer Ölverlust beklagt. Im zweiten Anlauf auf Seite 93 von 443 irreparablen Kolbenfresser erlitten.

Guy R. Lefrancois: Psychologie des Lernens.
Eine so genannte kritische Auseinandersetzung mit den Schulen der Lernpsychologie in so genanntem „betont lockerem Stil“ mit „Kongor dem Andromedaner“ als eine Art Agent und Anwalt des Lesers. Unfassbar eigentlich, dass das Mach-Werk dem Renommee des Leiters des Dept of Educational Psychology in Alberta, Canada so gar nicht schaden konnte.

Michael Ooakeshott: Zweifel und Skepsis – Zwei Prinzipien neuzeitlicher Politik.
Bereits 1952 verfasst und erst nach seinem Tode entdeckt und sehr zu unrecht veröffentlicht. Gilt manchen als ein neuzeitlicher Klassiker der Ehtik. Ist aber nur ein fader Eintopf aus Montaigne, Pascal, Hume, Marx und Rousseau - einmal mit dem Schnellkochtopf vergoren.

Karl P. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
Ein Österreicher der zum Ritter wurde. Das ganze Hoffen auf pluralistisch prozessual-evolutionäre Verbesserungsversuche und Irrtumskorrekturen spiralt so vor sich hin. Übersetzung zudem erbärmlich. Früher einmal eine leidliche Einschlafhilfe. Heute völlig unverständlich, warum beide Bände immer noch in meinem Regal überlebt haben – ab dafür.

Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.
Sehr zu Unrecht als „sozialpsychologische und kulturgeschichtliche Ergänzung zu Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit“ deklariert. Sennett verliert bereits nach wenigen Seiten das Ziel seiner Analysen völlig aus den Augen und wühlt sich Quellenverliebt durch Bedeutungswandel der Städte, Mode, Familie, Industrialisierung, politische Rhetorik, Architektur und dergleichen mehr bis zur völligen Belang- und Besinnungslosigkeit.

Jetzt will ich’s aber wissen, wo die Staubwolken über vergilbte Bücherrücken wabern: Bei Frau Pollymere wegen dem neuen schicken Sofa kreisrunden Rumräkelding, beim rollinger weil ich so neidisch bin auf die Pfälzer Kerwe und ich hier 7 Euro zahle fürn Viertel anständigen Wein. Bei narana, weil die nicht glauben soll, sie würde verschont vor lauter bookcrossing und bei pepa, weil sie es bei mir als Ärztin auch nicht leicht hat.

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Laura Kinderspiel - 12. Nov, 11:30
wow..
..echt "hot" diese Sonnenblumen.. seit langem die beste...
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