Montag, 12. Juni 2006

Der große György Ligeti

starb heute mit 83 Jahren in Wien. Ich bin ihm in Hamburg vor sieben Jahren zuletzt begegnet.

„die Musik ist seit Wagner und der Richtung, die dann von Schönberg, Berg und Webern fortgesetzt wurde, sehr weit entfernt von dem, was man auf Englisch als "vernacular", also volkstümlich oder populär, bezeichnet. Dagegen hat Strawinsky russische Volkslieder verwendet und Bartók ungarische, arabische und türkische Folklore. Ich neige eher zu dieser antiwagnerianischen Auffassung. Vieles bei Haydn, Mozart und Beethoven war populär, wie z. B. die Zauberflöte, aber keine Volksmusik. Ich für meinen Teil will nicht in die vollständige Abstraktion - wo ich mehr oder weniger Anfang der sechziger Jahre war. Aus Protest gegen meine eigenen folkloristischen Stücke in Ungarn. Sehr vieles in meiner musikalischen Denkweise wurde von der Kenntnis afrikanischer, südostasiatischer und lateinamerikanischer Musik beeinflusst. Ich benutze sie nicht, aber sie erweitert den Horizont. Und ich meine, dass sich ein Teil meiner Kollegen, die offizielle Avantgarde, sehr dagegen abschließt: Man darf nicht populär sein. Das ist dieses Adorno‘sche Elitedenken, besonders hier in Deutschland. Wer populär ist, hat sich dem Kommerz verkauft. Ich bin absolut kein Anhänger des Weltkommerzes, aber die Arroganz der Unpopularität, dass sie ein Kriterium sein muss für gute Musik, finde ich lächerlich.“
[György Ligeti]


Ligetis zeichnet sich für mich dadurch aus, dass er bei Neuerungen nicht stehen bleibt und diese kultiviert. Auf einer Stufe angekommen, entwickelt er stetig weiter und denkt gar nicht daran Dinge zu tun, die vom Establishment des Kulturbetriebs und Feuilletons (bzw. von den dort malochenden Praktikanten) als „Geschichte schreiben“ proklamiert werden könnte. So bleiben „Apparitions“, „Atmosphères“ und „Volumina“ einzigartig, ohne Wiederholung und eine Kette von Weiterentwicklungen mit Zitaten aus früheren Entwicklungsschritten.

Ligeti verschachtelt soweit, dass „die einzelnen Stimmen als solche nicht mehr wahrnehmbar sind“ und sich nur „als übergeordnete Gestalt“ (Ligeti) erfassen lassen. 1968 folgt „Continuum“, ein Cembalostück in dem einzelne Töne für das Ohr nur noch zu erahnen sind. Musik als fast statisches Kontinuum. Ligeti war immer für das Mehrdeutige, er bevorzugte das Utopische stets dem Ideologischen und erstarrte dabei nie.

Seine gesamte Familie wurde deportiert, sein Vater und Bruder kamen im KZ um. Er selbst floh 1956, mit 33 Jahren, aus Ungarn ins lebenslange Exil nachdem Werke von ihm als „dekadent“ bezeichnet und verboten wurden. Sein Abscheu gegen falsches Pathos führte ihn zu Franz Kafka und dem Dadaismus eines Hans Arp und Kurt Schwitters, zur Pop-Art und Boris Vian, zu Alfred Jarrys „Ubu Roi“ (der in Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ verarbeitet wird) und nicht zuletzt für Lewis Carroll.

In einer Zeit eines zunehmend nivellierten Kunstverständnisses ist es ihm wie kaum einem anderen erfrischend mehrdeutig gelungen, mein Lebensgefühl in Musik zu fassen.

Epilog

Einen wirklichen Engel
einen Engel aus Licht
hättest Du uns doch endlich
wieder einmal schicken können.
Man könnte meinen
daß Du nun den atheistischen Vereinsmeiern
den Übermaschinen und Überrobotern
die abgegrasten Auen der Erde
endgültig überlassen wolltest.
Die armen Betenden
sollten doch wieder einmal
Atem schöpfen können.

[Hans Arp: Der Engel neben dir]

16:43 Uhr

Ausstralien – Japan 3:1

Der Bauer pflügt den Acker.
Wer
Wird die Ernte einbringen?
[Bertolt Brecht]

Die Welt zu Gast ...



... bei Freunden: In Bad Kissingen, dort wo die Nationalmannschaft von Ecuador logiert, haben die Grundschüler und der Bürgermeister seit Wochen Spanisch gelernt, ganz Niederkassel (Elfenbeinküste) ist orange-weiss-grün geflaggt, in Hinterzarten (Niederlande) tragen sogar die Müllwerker orange und in Bonn (Japan) hat man auch „besondere Sorgfalt“ walten lassen: „Auch die Umkleidekabinen wurden hergerichtet“. Aber wenn dann im Kölner Stadion gespielt wird, zählt nur noch Kölner Leitkultur und alle singen „Viva Colonia.“

Damit das Bonner Engagement auch wirklich für einen Sieg der blauen Samurai reicht, hier noch ein Haiku vom Meister Tachiba Fukaku (1662-1753)

Meinem Schattenbild
vermag er nicht zu folgen,
ach, der Schmetterling!

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Natürlich ist das ...
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BusterG - 17. Dez, 00:21

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