Freitag, 23. Juni 2006

Schweiz - Südkorea

Seit Tagen werden wir mit Bildern malträtiert die liebreizende Koreanische Fans zeigen, die nach stundenlangem ergebnisunabhängigem Jubel in die eigens dafür mitgebrachten blauen Säcke den Unrat der Berliner Fanmeile räumen und dabei unentwegt in die Kamera lächeln. Selbst hartgesottene Beobachter werden zu Tränen gerührt. Dirk Advocaats Rechnung ist aufgegangen.

Wackere Eidgenossen Verschwörungstheoretiker Investigative Journalisten haben jedoch zwischenzeitlich aufgedeckt, dass
  • die Koreanischen Fans Schauspieler waren, die im Dschungelcamp für diesen Auftritt monatelang vom „kleinen General“ persönlich trainiert wurden.
  • das öffentlich-rechtliche Kamerateam aus Praktikanten bestand, die nach Abschluss der Dreharbeiten eine wochenlange Huyundai-Probefahrt absolvieren durften.
  • der ergebnisunabhängige Jubel der Fans lediglich der Tatsache geschuldet ist, dass in der Kürze der Zeit kein Ergebnissensor unter der Haut implantiert werden konnte.
Auch das verblüffend durchgängig starke Spiel der koreanischen Sportler auf dem Grün sollte spätestens dann kein Geheimnis mehr sein, wenn die allgegenwärtigen FIFA-Kontrolleure sich einmal die Mühe machen würden, die Rückenklappe der Spieler zu öffnen. Spätestens dann wären wir von der Knute des Dirk Advocaats befreit, der sich beleidigt ins Reich des Bösen verkrümeln würde. Die Stunde der öffentlich-rechtlichen Massenmedien würde schlagen die ob der wiedergewonnenen Pressefreiheit endlich wieder darauf hinweisen dürften, dass der Koreaner Atombomben baut (komme jetzt keiner mit kleinlichen geographischen Differenzierungen), durch ständige Bankenkrisen unser Wirtschaftssystem in den Abgrund stürzt, Menschen klont oder dies vorgibt zu tun, aus putzigen kleinen Landschildkröten unförmige Schiffe baut, den ganzen Tag Hunde isst und wahrscheinlich noch immer vom meistdekorierten Soldat in der Geschichte der amerikanischen Streitkräfte regiert wird.

Die Schweiz hingegen ist die Wiege der Demokratie und der Befreiungsbewegungen gegen Unterdrückung und seit Jahrzehnten der ideale Ort für ihr Liebstes.

Entscheiden Sie jetzt, welche Mannschaft Sie anfeuern wollen.

Wortwahn

Sloterdijk mault über Torschützenorgasmen (Spiegel) und nationale Erregungsgemeinschaften (Spiegel), Fußballgegner drohen mit offensiver Sinnproduktionsdrosselung (Perlentaucher), der Einzelhandel ruft nach einem Fahnenbevorratungsgesetz (Spiegel) das sicherstellt, dass für jeden Pubertäter (Spiegel) ausreichend Trash-Utensilien (Spiegel) mit Landesfarbenapplikationen (Spiegel) zur Verfügung stehen um damit ordentlichen Problempatriotismus (Spiegel) betreiben zu können.

Wer den Terror des Ticket-Spam (Spiegel) bislang überlebt hat, macht es sich kommod als couch potato und mutiert zum Bier-Chips-und-Sofamuffel (Tagesspiegel), der per se schon verdächtig ist, der Gruppe der Unterschichtsdeutschen (Spiegel) zugehörig zu sein. Im Trauten Heim, völlig den Launen des Hostbroadcasters (Spiegel) ausgesetzt, müht er sich mit unverständlichen, weil viel zu kleinen Bild-in-Bild-Einblendungen (Süddeutsche Zeitung) ab und auch der massiven Einsatz von Fatburn-Cookies (Spiegel) kann das sich aufschwingende Gewichtsrisiko (RP-Online) nicht mehr abwenden.

Angesagter ist fraglos der Public-Viewer (Spiegel) der fürs Publicviewing (Spiegel) Public-Viewing-Bereiche (RP-Online) aufsucht die mit Public-Viewing-Rechten (Perlentaucher) ausgestattet sein sollten und ein echtes Alternativprogramm darstellen angesichts der Loungifizierungen (Tagesspiegel) der Fußballarenen in denen Hooliewatcher (Tagesspiegel) ohne jedes Ballfeeling (Süddeutsche Zeitung) die zahllosen Fitness-Fachwirte (Süddeutsche Zeitung) und schwäbisch oder sächsisch sprechenden Gefühls-Brasilianer (Süddeutsche Zeitung) im Zaune halten die unmittelbar nach dem Abpfiff solange als Autokorsianer (Tagesspiegel) um die Siegessäule sputnicken bis der Sprit ausgeht und sie sich müde zum rechtzeitig zur WM vom ADAC kreierten Themencamping (RP-Online) zurückziehen.

[Credits: Lothar Lemnitzer und Tylman Ule, zwei Sprachwissenschaftler an der Uni Tübingen, werten in der Wortwarte regelmäßig Online-Medien aus auf der Suche nach neuen Wortschöpfungen. Betrachtet wurde hier die Sportberichterstattung der letzten zwei Wochen.]

Post scriptum schreibt der Spiegel gleich die nächste Narretei:

„Wenn er über das Bein eines deutschen Nationalspielers streicht, ‚palpieren’ heißt das, melden ihm die Finger eine Gewebeverhärtung …“
AUS AUS AUS JETZT!

Der obszöne Abgrund ...

Da wird einer geboren im heimeligen Solothurn am 23.6.1931. Ganz Eidgenosse lernt er zunächst den Bankkaufmann und arbeitet in einer Bank. Er kämpft sich durch den Schweizer zweiten Bildungsweg, studiert Nationalökonomie in Genf, Bern und Berlin, habilitiert in Bern um schließlich einer der Soziologen der APO zu werden: Zunächst an der Uni Bochum, dann an der FU Berlin. Soweit so gut, aber wie viele Soziologen und Bankkaufmänner finden sich in Kindlers neuem Literatur Lexikon und im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur?

ICHWERWOWIRICH

Ist mein Hirn ein Fremder oder eine Fremde?
Wo bin ich, wenn Ich ein Anderer ist?
Was wären meine Hände ohne meine Augen?
Was tun meine Ohren ohne meine Füsse?
Was wäre mein Mund ohne meine Zunge?
Dürfen meine Hände alles, was mir verboten ist?
Was wäre meine Zunge ohne meinen Mund?
Was weiss ich von meinen Händen?
Was weiss ich von meinem Hirn, meinen Augen, meiner Nase, meinem Geschlechtsteil?
Mache ich mich oder werde ich gemacht oder gibt es etwas Drittes?
Sich einzeichnen in die eigenen Augen, bis es fremde sind.
Was macht ein Glied ohne Körper?
Da er nicht einer, sondern mehrere zugleich ist, kann er nicht sich selbst wählen (Cioran).
Die strengen Ichs lachen. Sie erzählen sich viele Geschichten, ohne sie zu erzählen.
Die Gesellschaft, ohne mich, bleibt Gesellschaft.
Das Kapital ohne mich bleibt Kapital.
Das Kapital ohne die Andern gäbe es nicht.
Gibt es Bilder ohne die Andern?
Hat man mich erfunden?
Ich schreibe und male mit der Hand und ich male und schreibe nicht mit der Hand; mein Hirn macht es.
Das Profil einer Frau, frontal.
Das Profil eines Mannes in einer Frau.
Wahr-Nehmung ist eine Wüste.
In meinem Kopf leben gegen meinen Willen die Bauern und Knechte weiter, meine Vorfahren. Sie machen sich über mich lustig.
Die Sprache der Gesichter
Warum bin ich nicht meine Mutter.
Ich wäre früher gern mein Vater gewesen, weil er jung gestorben ist.
Die Tatsachen häufen sich.
Ein paar Jahre lang war ich eine blonde Indianerin.
Warum setzt man sich Dinge in den Kopf.
Warum lässt m an sich Dinge in den Kopf setzen.
Auch ich sage Ich
Gefängnisse.
Jedes Haus ist zu klein.
Ein Freund zeigt auf eine Zündholzschachtel und sagt: das Labyrinth.
Wie erinnert man sich als Fledermaus?
Gewalt und Chaos. Sonst ist alles in Ordnung.
Von Fröschen, Knöpfen, Haarbüscheln, Augen und meiner Verstörung.
Ist es derselbe Gerichtssaal?
Der obszöne Abgrund.

[Urs Jaeggi, Text zur Finissage der Ausstellung "Sehen und Denken 22",
Akademie der Künste, 17. Oktober 2004, Berlin]

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wow..
..echt "hot" diese Sonnenblumen.. seit langem die beste...
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huflaikhan - 26. Dez, 16:15
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jump - 17. Dez, 19:18
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Ja genau, also doch schon gar sooo weit ;-).
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Das ist in der Nordeifel: Heimbach in Nebel und Sonnenschein.
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Geschätzte Wassertemperatur:...
Geschätzte Wassertemperatur: ca zwei Grad, also vielleicht...
BusterG - 17. Dez, 00:23
Danke
Danke
BusterG - 17. Dez, 00:21
Natürlich ist das ...
... AUCH an Dich gewandt. Ich würde doch sonst nicht...
BusterG - 17. Dez, 00:21

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