Dienstag, 29. August 2006

Ultra Violett

Ultra Violett,
das Einsame, sprach zu mir:
Noch lebe ich unsichtbar.
Aber ihr könnt mich alle empfinden.
Versucht es mich zu erkennen.
Ich will euch neue Sonnen,
Neue Welten geben.

[Max Dauthendey: Ultra Violett, 1893]

"Max Dauthendey wäre ein großer Dichter geworden, wenn er mehr Geld gehabt hätte. Das klingt seelenroh, aber die Kunst geht nicht nur nach Brot, sie wächst auch durch das Brot. Es steht ein Haus auf dem Frauenplan in Weimar, in dem einem die Zusammenhänge zwischen Geld und Größe aufgehen. Dauthendey gehörte zu dem schon vor dem ersten Weltkrieg so gut wie ausgestorbenen Dichterschlag, der sich einbildete, daß die Welt für ihn sorgen müsse, damit er dichten könne.

Er war berühmt, aber nicht bekannt; er fehlte in keiner Literaturgeschichte, aber in den Buchhandlungen. Er war kein Epigone und kein neuer Anfang, (...) aber tatsächlich erinnert diese Lyrik an nichts so sehr wie an Malerei, an Farben, genauer gesagt: eine Farbenorgel, zierlich hingesetzte Buntheit neben wild herausgeschleuderten Klecksen; nicht zufällig hieß einer dieser Gedichtbände "Ultraviolett", denn über diesen Versen liegt wahrhaftig eine mit freiem Auge nicht mehr wahrnehmbare Farbenwelt."

[Andreas Sattler: Alles für eine Weltreise, 1958]

Montag, 28. August 2006

Was ist ein Urlaubsflirt?

Der AssistenzArzt, der besser Wirt geworden wäre, ist zwischenzeitlich auch wohlbehalten aus der Karibik zurückgekehrt und hat sich nicht entblödet mir Urlaubsbilder zu zeigen wohl in der stillen Hoffnung, dass ich ihn nun endlich einmal ordentlich beneide. Flughafen, Hafenmauer, Strandbar: Die vorne links war sein „Urlaubsflirt“. Ich sehe eine kaffeebraune junge Frau, die das Familienvermögen in einen neonfarbenen Bikini investiert hat, der mehr als gewagt aussieht. Ich muss jetzt ja wohl nicht weiter schreiben oder?

... ein Dilettant, ein Pfuscher

Charlotte von Stein war es, die einen dahergelaufenen Flegel, dessen 257. Geburtstag heute gedacht wird, zu einem halbwegs brauchbaren Mitmenschen dressiert hat. Charlotte klagt über enttäuschte Liebe: Der ehemalige Geliebte ein Hypochonder und Poseur. Er versagt in den Prüfungen der Liebe und ist bestenfalls in der Lage, seine Affären für ein voyeuristisches Publikum literarisch aufzuarbeiten. Als Maler, Dichter wie auch Minister ein Dilettant, ein Pfuscher. Johann Wolfgang Goethe, hat fluchtartig und ohne Nachricht zu hinterlassen, Weimar in Richtung Italien verlassen.

Peter Hacks [1, 2], vor drei Jahren gestorben, war der erfolgreichste Dramatiker der DDR. In seinem erfolgreichsten Stück „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ lässt er in einem furiosen Bühnenmonolog Charlotte von Stein mit Goethe und sich selbst abrechnen.

Sonntag, 27. August 2006

Das Ding ist Ich

Das Ding ist Ich; in der Tat ist in diesem unendlichen Urteile das Ding aufgehoben; es ist nichts an sich; es hat nur Bedeutung im Verhältnisse, nur durch Ich und seine Beziehung auf dasselbe. - Dies Moment hat sich für das Bewusstsein in der reinen Einsicht und Aufklärung ergeben. Die Dinge sind schlechthin nützlich, und nur nach ihrer Nützlichkeit zu betrachten. - Das gebildete Selbstbewusstsein, das die Welt des sich entfremdeten Geistes durchlaufen, hat durch seine Entäußerung das Ding als sich selbst erzeugt, behält daher in ihm noch sich selbst, und weiß die Unselbstständigkeit desselben, oder dass das Ding wesentlich nur Sein für Anderes ist; oder vollständig das Verhältnis, d.h. das, was die Natur des Gegenstandes hier allein ausmacht, ausgedrückt, so gilt ihm das Ding als ein fürsichseiendes, es spricht die sinnliche Gewissheit als absolute Wahrheit aus, aber dies Für-sich-sein selbst als Moment, das nur verschwindet, und in sein Gegenteil, in das preisgegebne Sein für anderes übergeht.

Hierin ist aber das Wissen des Dinges noch nicht vollendet; es muss nicht nur nach der Unmittelbarkeit des Seins und nach der Bestimmtheit, sondern auch als Wesen oder Inneres, als das Selbst gewusst werden. Dies ist in dem moralischen Selbstbewusstsein vorhanden. Dies weiß sein Wissen als die absolute Wesenheit, oder das Sein schlechthin als den reinen Willen oder Wissen; es ist nichts als nur dieser Willen und Wissen; anderem kommt nur unwesentliches Sein, d.h. nicht ansichseiendes, nur seine leere Hülse zu. Insofern das moralische Bewusstsein das Dasein in seiner Weltvorstellung aus dem Selbst entlässt, nimmt es dasselbe ebensosehr wieder in sich zurück. Als Gewissen ist es endlich nicht mehr dieses noch abwechselnde Stellen und Verstellen des Daseins und des Selbst, sondern es weiß, dass sein Dasein als solches diese reine Gewissheit seiner selbst ist; das gegenständliche Element, in welches es als handelnd sich hinausstellt, ist nichts anderes als das reine Wissen des Selbst von sich.“ [Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, VIII Das absolute Wissen, 1807]

[René Magritte: Hegel's Holiday, 1957]

Früher war bekanntlich …

Früher war bekanntlich … ähem ich gelobe jetzt mal wirklich auf Unworte wie „früher“ oder gar „bekanntlich“ zu verzichten; also ich vermeide jetzt mal das drohend-schwermütige „nie“ aber sagen wir mal ich gelobe, sagen wir mal feierlich, diese Worte höchsten zu denken, heimlich also, aber nicht zu schreiben also was sage ich: Ich bemühe mich rechtschaffen jetzt, wirklich.

Jedenfalls war - äh - vor einiger Zeit vieles einfacher: Ich stapelte unnütze Bücher in einen Umzugskarton, brachte den Karton wenn er halbwegs voll war zu einem Antiquar meines Vertrauens und schaute anderntags bei ihm vorbei und wir feilschten etwas um den Preis um dennoch schnell handelseinig zu werden. Wenn es gut ging, legte ich das verdiente Geld gleich wieder in Bücher an und wenn es besser ging, vertrank ich das Geld mit dem Antiquar in irgendeiner Kneipe umme Ecke. Jedenfalls ein Akt von keinen zwei Stunden um sich eines ganzen Kartons Bücher zu entledigen.

Mit dem Aufkommen der Menschheitsgeisel eBay verbietet sich solches Vorgehen aus Gründen der Profitmaximierung natürlich und auch weil händeringend positive Bewertungen für den Sozialstatus notwendig sind. Ich zum Beispiel habe nur einen gelben Stern und grade mal läppische 43 Bewertungen und bin das Gespött jeder Small-Talk-Runde sobald die Sprache auf das Thema „eBay“ kommt und natürlich kommt dieses Thema so sicher wie in einem Bahnhof hin und wieder ein Zug einfährt (wenn nicht grade irgendwelche Menschenlose Koffer rumstehen zumindest). Manche erdreisten sich sogar zu behaupten, dass sie an dem ganzen Verschacherfirlefanz Gefallen finden – ich sah doch tatsächlich neulich eine Bekanntschaftsanzeige in der als Hobby „eBay-en“ angegeben war. Nunja, gut dass ich derlei nicht lese. Ich doch nicht.

Jedenfalls türmen sich derzeit auf meinem Schreibtisch 82 Bücher von denen ich soeben eines bei eBay eingestellt habe. Ein Buch übrigens, das ich noch nie vorher bei mir gesehen, geschweige denn gelesen habe noch weis, wie es überhaupt in meinen Besitz gekommen ist. Kurzrecherche, Fotografieren, ein Textchen verfassen mit dreister Lobhudelei und das ganze in die umständlichen Formulare einpflegen ergab dabei einem Aufwand von unglaublichen 25 Minuten. Einmal vorausgesetzt, dass sich künftig Rationalisierungseffekte einstellen werden und das ganze pro Buch nur noch 18 Minuten dauert, bedeutet dies ein Aufwand von 24 Stunden und 18 Minuten für den Bücherturm.

Weiter vorausgesetzt, dass sagen wir mal 60% der Bücher einen Deppen Käufer finden, ergeben sich durch Kontoprüfung, Kommunikation, Beschaffen von Versandmaterial und Versand bei der Annahme von 13 Minuten pro Buch nochmals zehn Stunden und 50 Minuten macht insgesamt 35 Stunden und acht Minuten. Eine ABM-Kraft könnte zwei Monate in Lohn und Brot gesetzt werden aber ich schwanke jetzt nur noch, ob ich ein neues Regal erstehen soll oder - was wahrscheinlicher ist - den Turm in einen Karton stapeln und morgen das ganze zu einem Antiquar meines Vertrauens bringe und das Geld sofort schräg gegenüber in der Eckkneipe meines Vertrauens gewinnbringend anlege. Soll mich doch bewerten wer will. Hab ich doch nicht nötig …

Samstag, 26. August 2006

Kanonenfutter

Hinter den Mauern, hinter den Schlöten,
Liegt euer Vaterland,
Ihr sollt euch schlagen dafür und töten,
Und habt es niemals gekannt.

[Ludwig Thoma: Peter Schlemihl, 1913]

Männliche Sexualität

Professor Jim Pfaus vom Centre for Studies in Behavioural Neurobiology in Montreal, der seit geraumer Zeit hauptsächlich die Paarungsgewohnheiten von Ratten studiert, veröffentlichte jüngst in der Montreal Gazette Ergebnisse seiner Langzeitstudie derzufolge die Ratte ein perfektes Beispiel für männliche Sexualität darstellt: Männliche Tiere sind ständig auf der Suche nach neuen kopulationswilligen Weibchen und versuchen - unter Alkohol gesetzt - gerade die Weibchen zu begatten, von denen sie zuvor zurückgewiesen wurden.

Ein schönes Beispiel dafür, dass Empirische Forschung gerne das als Ergebnis abliefert, was sich so ein Forscher beim Design des Versuchs hypothetisiert hat. Erwartungskonformität ist eine prima Sache. Um mal den Neukantianer Wwedenski zu bemühen beziehungsweise dessen Prinzip der Apriorität von Raum, Zeit und Kausalität. Nach dieser Auffassung besitzt die Erkenntnis a priori einen größeren Grad von Gewißheit als die Erkenntnis a posteriori. Die Prinzipien a priori gehen der Erfahrung logisch voran und fungieren als Bedingungen ihrer Möglichkeit. Daher erklärt das Wissen über die Dinge nicht ihr Wesen und über das wahre Sein kann man nichts anderes wissen als die Möglichkeit des Wissens über das wahre Sein.

Freitag, 25. August 2006

Wenn Einer zum Helden werden will ...

Bedingung des Heroenthums. - Wenn Einer zum Helden werden will, so muss die Schlange vorher zum Drachen geworden sein, sonst fehlt ihm sein rechter Feind.“
[Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Der Mensch mit sich allein, 498]

Donnerstag, 24. August 2006

Ein Betrug, sich satt zu essen

„Man muss das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, dass diejenigen, die höchstes Ansehen oder gar Macht besitzen, gering entlohnt werden. Die menschlichen Beziehungen müssen der Kategorie nicht messbarer Dinge zugeordnet werden. Öffentlich soll anerkannt sein, dass ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.“
[Simone Weil: Unterdrückung und Freiheit – Politische Schriften]

Vor 63 Jahren starb sie: In Ashford, Kent im Jahre 1943, grade mal 34 Jahre alt. Sieben Menschen sollen bei Ihrer Beerdigung anwesend gewesen sein: Mystiker, Katholische und Anarchisten. Als Idol war sie gänzlich untauglich, höchstens zur Seligsprechung geeignet, die natürlich nicht erfolgte.

„Die Diagnose des Arztes lautete: Herzversagen durch Herzmuskelschwäche, hervorgerufen durch mangelhafte Ernährung und Lungentuberkulose. Die Verstorbene hat sich selbst getötet und zerstört, indem sie sich in einer Phase von Geistesgestörtheit weigerte zu essen.“ [Cornelius Hell]

Mittwoch, 23. August 2006

Maulana Nuruddin Abdul Rahman Jami

Mit den Zähnen den Stahl schneiden
Mit den Nägeln den Granitstein meißeln
Ins Feuer sich tauchen lassen
Mit den Wimpern Glutstücke fangen
Die Last hunderter Kamele auf das Haupt laden
sie vom Orient bis Okzident tragen
Dies ist leichter für Jami als
die Gemeinen zu preisen

Maulana Nuruddin Abdul Rahman Jami (Djami bzw. Dschami) erblickte am 16. „Akrab“ des Sonnenjahrs 817 H. in der historischen Stadt Jam in der Provinz Herat das Licht der Welt. Jami wirkte in der letzten Periode der Timoriden-Dynastie als Dichter, Musikwissen-schaftler, Linguist, Theologe und Rhetoriker.

Wieder da ...

Honoré de Balzac lieferte einen der bestechendsten Beweise für die Abwesenheit Gottes: „Es gibt Männer, die dümmer und auch wirklich hässlicher sind, als Gott sie gemacht haben würde.“

Mittwoch, 9. August 2006

Bin kurz mal weg ...

Paradigmatisches Experiment ...

Eine gleiche Anzahl von Spielsteinen wird in jeweils einer Reihe angeordnet. Die Abstände der einen Reihe sind kürzer als die der zweiten. Auf Nachfrage besteht für das Kind die erste Reihe immer aus weniger Spielsteinen. Selbst, wenn man das Kind beide Reihen abzählen lässt, bleibt es bei seinem Urteil.
Ginsburg erweiterte diesen Versuch (Entering the Child's Mind) und fügte der kürzeren Reihe einen weiteren Spielchip hinzu. Selbst dies änderte nichts an der Antwort des Kindes.

Jean Piaget, geboren am 9. August 1896 in Neuchâtel, führte für seine Untersuchungen viele Verhaltensexperimente mit seinen eigenen Kindern durch.

Schule hat begonnen ...

… weißes Hemd, frisch gekaufter, kratziger Janker und die Ungewissheit, ob sich der ganze Stress auch lohnt - weil man ja nicht weiß was in der Tüte ist. Hat sich nicht, war nur Schulkram drin und Gesundes.

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Seit langen das beste...
Seit langen das beste Gedicht was ich gelesen habe....
Laura Kinderspiel - 12. Nov, 11:30
wow..
..echt "hot" diese Sonnenblumen.. seit langem die beste...
jump - 6. Sep, 11:53
Danke
Danke
huflaikhan - 28. Aug, 08:25
Ich mag sowas ja sehr...
Ich mag sowas ja sehr gerne lesen, vor allem richtig...
huflaikhan - 26. Dez, 16:15
Hatschi
... ok, bin wieder auf dem Boden der Tatsachen.. ;-)
jump - 17. Dez, 19:18
So weit!
Ja genau, also doch schon gar sooo weit ;-).
BusterG - 17. Dez, 00:26
Das ist in der Nordeifel:...
Das ist in der Nordeifel: Heimbach in Nebel und Sonnenschein.
BusterG - 17. Dez, 00:24
Geschätzte Wassertemperatur:...
Geschätzte Wassertemperatur: ca zwei Grad, also vielleicht...
BusterG - 17. Dez, 00:23
Danke
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BusterG - 17. Dez, 00:21
Natürlich ist das ...
... AUCH an Dich gewandt. Ich würde doch sonst nicht...
BusterG - 17. Dez, 00:21

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