Mittwoch, 6. September 2006

Gruß

Vorbei ist vorbei, und man erinnert sich
daran, was man alles
tun wollte und nie tat; ist
denn der Gedanke nicht schon
genug? Wie ich zum
Beispiel vorhatte, eines
von jeder Art
zu sammeln: Klee,
Gänseblümchen, Braunwurz, die
auf der Wiese wuchsen,
in der die Hütte stand,
sie an einem Nachmittag zu
studieren, bevor sie verwelkten. Vorbei
ist vorbei. Ich grüße
jenes Feld der Vielfalt.

[James Schuyler: Salute, 1960, Übers. von Johannes Beilharz]

Nachtrag: Mich erreichen fragende Nachrichten wo denn bitte der kalendarische Bezug sei von einem Schuyler oder wenigstens einem Beilharz zum heutigen Tag. Es gibt keinen. Allen Kalenderfetischisten sei’s gesagt: Nur meiner unendlichen Güte haben sie es zu verdanken, dass ich sie verschont habe heute mit einer unendlich drögen moralinsauren Geschichte eines gewissen 'Bonnard' vom - sehr Ollen - August Friedrich Ernst Langbein, geboren am 06.09.1757 in Radeberg bei Dresden, in der er von einem redlichen, wackeren, stadtbekannten Trunkenbold und Quartalssäufer berichtet, den so genannte ‚Freunde’ durch Lug und Trug zurück auf den unnützen Pfad der bürgerlichen Tugend und in die Ehe treiben. Davor habe ich alle verschont heute, ich mal wieder …

Deutschland sucht den Superblogger: Die Quali

Ich wurde ganz versehentlich dort nominiert, obwohl die Kriterien wie zum Beispiel Sprachliche Kompetenz, Verständlichkeit, Glaubwürdigkeit, Originalität des Themas, Humor, Verwendung neuartiger Stilmittel, Ansprechendes Design etc. etc. jede für sich genommen schon mehrfach Grund zur vehementen Ablehnung meines Geschreibsels geben. Und wenn bei mir etwas herausragen sollte, dann sicher nicht „Qualitäten, die mich auch außerhalb meines Sprachraumes herausragen lassen“. Da ragt nix dergleichen, da gibt es nix zu sehen für die „internationale Blog-Community“. Ich bin ja ganz und gar fremd im eigenen Land und lebe – abgesehen von sporadischen Besuchen in der DW-Kantine – ganz gar außerhalb des Kulturauftrages dieser Deutschesten aller Wellen, deren Programmverständnis ich so gar nicht teile.

Deshalb und auch weil ein amtierender WM-Tipperkönig aus Gründen der Hofetikette nicht an solchem Ring Wettkampf teilnehmen sollte, habe ich gestern darum gebeten, mich wieder zu de-nominieren. In allen Kategorien, insbesondere aber in der „Blogwurst“. Man stelle sich nur die Headline vor: WM-Tipperkönig wird Hans Blogwurst. Und irgendein Arsch von Bild-Lesereporter fotografiert mich im Profil mit voller Wampe. Neverever will ich „schräg, abgedreht, daneben“ sein oder auch nur „wirklich anders“. Ich hoffe, jetzt niemand enttäuscht zu haben und verrate gerne von einem ausnehmend wohlmeinenden Kommentar einen screen dump für mich ganz allein angefertigt zu haben, (den les ich im Winter bei einer guten Flasche Wein mal wieder und proste gen Südosten) …

Die Jury, für die im Übrigen endlich auch eine würdige Vertreterin für Deutschland gefunden wurde, sollte eigentlich nicht wirklich allzu viel Arbeit haben: Die todsicheren Gewinner der wichtigsten Kategorien sind bereits nominiert und müssen nur noch gekürt werden … aber ich klebe mir jetzt die Tomaten auf die Augen und schweige wie ein Grab, bis der Vorhang sich wieder hebt.

[Bildquelle: DW]

Dienstag, 5. September 2006

Busters Thekengeflüster

Wenn einem so gar nichts Gutes zu einem einfallen will,
geht immer noch: hat manchmal ganz brauchbare Links.

Vor siebzig Jahren ...

Der tödliche Sekundenbruchteil, die feindliche Kugel. Der spanische Soldat beginnt zu fallen, das Gewehr schon aus der Hand. Das Bild wurde zu einer Ikone der Kriegsgeger als Symbol der Grausamkeit und der Sinnlosigkeit des Krieges

„Truth is the best pic“, so Robert Capa, der für mich wie kein anderer den Terror des Krieges und den Schmerz der Zivilbevölkerung in seinen Bildern ausdrücken konnte. Capa dokumentierte den Spanischen Bürgerkrieg, den chinesischen Widerstand gegen die Japaner, den Zweiten Weltkrieg in Europa, den ersten israelisch-arabischen Krieg und schließlich den Krieg in Indochina, in dem er 1954 starb. Er wurde vierzig Jahre alt. Bereits 1938 wurde er von der internationalen Presse als „bedeutendster Kriegsreporter“ gefeiert.

[Robert Capa: Loyalistischer spanischer Soldat im Moment seines Todes, Spanischer Bürgerkrieg 1936. Bildquelle: Americanmasters]

Montag, 4. September 2006

Orte des Grauens (Teil 3)

… alles, was länger als zehn Minuten dauert in einem Friseursalon, fällt für mich unter das Folterverbot der Genfer Konvention. Meine meist-frequentierten Etablissements liegen daher bevorzugt an Flughäfen und Bahnhöfen: Sieben Tage die Woche geöffnet, keine Stammkundschaft, kein Ehrgeiz etwas richtig oder schön zu machen. Ich betrete den Laden und rufe schon an der Kasse „ich habe maximal zehn Minuten“ und das wird ohne Zögern akzeptiert. Der Mensch, der an meinen Haaren zerrt, will ein Gespräch anfangen und ich bitte um Ruhe und das wird ohne Zögern akzeptiert. So stelle ich mir das vor – so einfach kann das Leben sein. Aber diesmal kommt Mehmed auf mich zu. Ein Mensch, der es nur schön und richtig machen kann, ein Mensch, der zwei Minuten ohne Gespräch nicht überlebt … ich versuche noch den Ausgang zu erreichen, aber seine kräftige Hand hat bereits meine Schulter erreicht – es ist alles verloren …

Staubwolken über vergilbten Bücherrücken

Ich bin ein ordentlicher Mensch. Meine paar Bücher sind frisch eingereiht und ganz und gar staublos – da erst vor drei Wochen ausgepackt. Hinzu kommt, dass höchstens noch ein Zehntel meines Bestandes als physikalisches Buch vorliegt: keine 15 laufende Meter mehr jedenfalls und ich arbeite weiter dran. Unter Bücher-Staubstöckchen, mit denen man nach mir wirft, könnte ich mich daher ganz kaltschnäuzig wegducken wie der junge Jean Gabin in La bête humaine und gut wär’s. Könnte ich.

Ich bin aber nun mal ein hoffnungsloser Romantiker und glaube felsenfest ans Gute im Menschen, ja: Auch und sogar im semmel. Weil der semmel kann ja eigentlich nix dafür wo doch der Hufi alias "Bruce" Schuld hat an allem und so.

Ich könnte es mir auch einfach machen und vom Bücherstapel, der die Tage aussortiert wurde einfach die ersten zehn abgreifen. Aber ich mache so was nicht. Nein: Ich machte mir die Mühe, und ging im Schnellverfahren durch die eben einsortierten Bücher die ja eigentlich alle, alle ihre bittersüße Berechtigung haben sollten in meinem Regal zu stehen. Natürlich werde ich fündig und zehn Bücher sind in kürzester Zeit erlegt. Die erstbesten zehn in alphabetischer Reihenfolge:

Laurenz Andrzejewski: Trennungskultur. Handbuch für ein professionelles wirtschaftliches und faires Kündigungsmanagement.
Ein Outplacer, Newplacer, Trennungskultivierer schrieb ein Handbuch für Vorgesetzten für den Rauswurf der Mitarbeiter. Eine krude Mischung aus Waldorf-Kindergarten und Betroffenheits-Gruppenwerkstatt für führungsunfähige Führungskräfte. Das Buch hat mir der Personalchef meiner letzten Firma überreicht zusammen mit einer Liste von 50 Leuten, mit denen ich als ihr Vorgesetzter Kündigungsgespräche zu führen hatte.

Dirk Baecker: Information und Risiko in der Marktwirtschaft.
Furios gescheiterter Versuch über 380 Seiten mit Hilfe dessen, was der Autor so unter der „neueren Systemtheorie“ versteht, Fragestellungen der Soziologie und Nationalökonomie in „einen wirtschaftssoziologischen Ansatz“ zusammenzuführen.

Jean Baudrillard: Die Intelligenz des Bösen.
Im Regal entdeckt nachdem ich durch einen prominenten Bücherweitwerfer wachgerüttelt wurde. Es soll hier, erklärt mir der Klappentext, um „Reflexionen einer scheinbar kontrollierbaren Realität wie auch die Umkehrung dieser gegen sich selbst gehen“. Das Übermaß an Gesundheit gebiert laut Baudrillard den Virus, das Übermaß an Sicherheit die Bedrohungen. Ich muss so was nicht lesen oder gar verstehen wollen. Ich nicht!

Wolf Biermann: Das ist die feinste Liebeskunst – 40 Shakespeare Sonette.
Schock-Fund mitten in der Lyrik. Hatte ich das Buch wirklich nicht schon beim vorletzten Stöckchenspiel entsorgt? Eine überaus dreiste Anmaßung von Herrn Biermann in lindgrünem Einband, geschuldet seiner hoffnungsloser Selbstüberschätzung. Den Beginn des 91. Sonettes etwa („Some glory in their birth, some in their skill“) überträgt er debil: „Der prahlt mit Herkunft, der mit Was-er-alles-kann“. Weg damit, bevor’s jemand sieht!

Paul Davies: The Last Three Minutes.
Der laut Washington Times „beste Wissenschaftsautor beiderseits des Atlantiks“ versucht Astrophysik populärwissenschaftlich zu erklären. Immerhin scheint das populär zu sein, wenn ich mir die Auflagen ansehe. Nicht ansatzweise Wissenschaft vermittelnd, keine Erklärungen, sondern vermeintlich effekthaschende Aufzählungen und über große Teile hat der Herr Davies schlicht jeden Überblick verloren, was er eigentlich vermitteln wollte – falls er den je hatte.

Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts.
Die Welt des 21. Jahrhunderts ist flach, weil Mensch digitale Daten von beliebigen Winkeln der Erdkugel in andere verschicken kann, so die atemberaubende Kernthese für die Bäume gefällt wurden damit daraus Papier gemacht werden kann und der Herr Friedmann diese absolute Top-Neuigkeit drauf schreiben kann. Geht an der Globalisierungs-Diskussion um Kilometer vorbei.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel.
Ein Buch voller Daniels, schwergängig wie ein Getriebe, das seit 3000 Kilometer Ölverlust beklagt. Im zweiten Anlauf auf Seite 93 von 443 irreparablen Kolbenfresser erlitten.

Guy R. Lefrancois: Psychologie des Lernens.
Eine so genannte kritische Auseinandersetzung mit den Schulen der Lernpsychologie in so genanntem „betont lockerem Stil“ mit „Kongor dem Andromedaner“ als eine Art Agent und Anwalt des Lesers. Unfassbar eigentlich, dass das Mach-Werk dem Renommee des Leiters des Dept of Educational Psychology in Alberta, Canada so gar nicht schaden konnte.

Michael Ooakeshott: Zweifel und Skepsis – Zwei Prinzipien neuzeitlicher Politik.
Bereits 1952 verfasst und erst nach seinem Tode entdeckt und sehr zu unrecht veröffentlicht. Gilt manchen als ein neuzeitlicher Klassiker der Ehtik. Ist aber nur ein fader Eintopf aus Montaigne, Pascal, Hume, Marx und Rousseau - einmal mit dem Schnellkochtopf vergoren.

Karl P. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
Ein Österreicher der zum Ritter wurde. Das ganze Hoffen auf pluralistisch prozessual-evolutionäre Verbesserungsversuche und Irrtumskorrekturen spiralt so vor sich hin. Übersetzung zudem erbärmlich. Früher einmal eine leidliche Einschlafhilfe. Heute völlig unverständlich, warum beide Bände immer noch in meinem Regal überlebt haben – ab dafür.

Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.
Sehr zu Unrecht als „sozialpsychologische und kulturgeschichtliche Ergänzung zu Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit“ deklariert. Sennett verliert bereits nach wenigen Seiten das Ziel seiner Analysen völlig aus den Augen und wühlt sich Quellenverliebt durch Bedeutungswandel der Städte, Mode, Familie, Industrialisierung, politische Rhetorik, Architektur und dergleichen mehr bis zur völligen Belang- und Besinnungslosigkeit.

Jetzt will ich’s aber wissen, wo die Staubwolken über vergilbte Bücherrücken wabern: Bei Frau Pollymere wegen dem neuen schicken Sofa kreisrunden Rumräkelding, beim rollinger weil ich so neidisch bin auf die Pfälzer Kerwe und ich hier 7 Euro zahle fürn Viertel anständigen Wein. Bei narana, weil die nicht glauben soll, sie würde verschont vor lauter bookcrossing und bei pepa, weil sie es bei mir als Ärztin auch nicht leicht hat.

Sonntag, 3. September 2006

Aaaaaahoooooohhhh! ... Uuoonuphf!

Semmel, semmel: Wenn das mit dem Stöckchenwerfen nach mir mal nicht zur bösen Gewohnheit wird. Im Übrigen ist schon sicher, dass ich das tiefsinnigere PORNO-Buch habe [Hrsg. v. H. L. Arnold: PORNO. Frankfurt a.M.: Fischer Tb Verlag, 2001], weil bei meinem auf Seite 20 ganz und gar nix von der Enterprise steht:

„…lassen sich aus der Inhaltsanalyse pornographischer Medien typische Grundmuster erschließen, die den spezifischen Sexualbezug charakterisieren. Zu den Merkmalen der Pornographie zählen: extreme Kontextreduzierung, d. h. die Einschränkung aller Erfahrung auf sexuelle Erfahrung; hoher Explizitheitsgrad der Darstellung, (im Ggs. zur Indirektheitsnorm der erotisch-sexuellen Signalsprache); Instrumentalisierung der Darstellungsform als Mittel zur Intensivierung und Vervielfachung sexueller Lust; Ausrichtung der Sexualität an der Häufigkeit ihres Vollzugs; Entindividualisierung und Austauschbarkeit der beteiligten Menschen. Die Standardformen von Pornographie werden von charakteristischen sexuellen Mythen und Fiktionen bestimmt wie: sexuelle Grandiosität und Heroisierung (v. a. des Mannes) Fiktionen von Macht, Dominanz und Kontrollverlust (v. a. der Frau); extreme …“

Das mit die staubigen Bücher kommt noch, ich bin heute vorübergehend sehr geistig abwesend. Ach und für alle, die jetzt über das Suchwort „PORNO“ hier angekommen sind, noch ein kleines Schmankerl zum rattig werden:

„‚Aaaaaahoooooohhhh!’, stöhnte G. über den Applaus hinweg. ‚Ahhch … so will ich sterben! … wenn meine Zeit gekommen ist, Liebling! So will ich scheiden! Uuoonuphf! … gib’s mir … gib’s mir und stoß mich …’“´
[Norman Singer: Der Pornograph. In: PORNO / Hrsg. von H. L. Arnold, S. 87]

Das sollte doch hoffentlich jetzt genügen, Danke für den Besuch auch.

Geist zu sein ...

Geist zu sein
oder Staub, es ist
dasselbe im All.

Nichts ist, um
an den Rand zu reichen
der Leere.

Überhaupt
gibt es ihn nicht.
Was ist, ist

und ist aufgehoben
im wandlosen Gefäß
des Raums

[Ernst Meister: Wandloser Raum, Gedichte, 1979]

Samstag, 2. September 2006

Entfremdung

Zeit
geht umher
in Kleidern
aus Glück
und Unglück.

Der im Unglück
spricht mit der Klapperstimme
der Störche, die Störche
meiden ihn: sein Gefieder
schwarz, seine Bäume schatten,
da ist Nacht, seine Wege
gehn in der Luft.


[Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit, Gedichte, 1961]

„Ich will 125 Gedichte schreiben, das Ganze ordentlich verteilt auf drei Bücher, das ist dann alles, und ich leg mich ins Grab.“ So Bobrowski in einem Interview. Hat er auch so gemacht.

Die kleine Anfrage: Baudelaire …

Frau Polly fragte an und ich möchte lösen:

A une passante

La rue assourdissante autour de moi hurlait.
Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse,
Une femme passa, d'une main fastueuse
Soulevant, balançant le feston et l'ourlet ;

Agile et noble, avec sa jambe de statue.
Moi, je buvais, crispé comme un extravagant,
Dans son oeil, ciel livide où germe l'ouragan,
La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.

Un éclair... puis la nuit ! - Fugitive beauté
Dont le regard m'a fait soudainement renaître,
Ne te verrai-je plus que dans l'éternité ?

Ailleurs, bien loin d'ici ! trop tard ! jamais peut-être !
Car j'ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais,
Ô toi que j'eusse aimée, ô toi qui le savais !

[Charles Baudelaire, A une Passante. Recueil : Les fleurs du mal]

Zu finden beispielsweise bei Poésie francaise und der - vermutlich auch „Olle“ - Stefan George übersetzt das (zum Beispiel hier) dann so:

EINER VORÜBERGEHENDEN

Es tost betäubend in der strassen raum.
Gross schmal in tiefer trauer majestätisch
Erschien ein weib - ihr finger gravitätisch
Erhob und wiegte kleidbesatz und saum

Beschwingt und hehr mit einer statue knie.
Ich las - die hände ballend wie im wahne
Aus ihrem auge (heimat der orkane):
Mit anmut bannt mit liebe tötet sie.

Ein strahl ... dann nacht! o schöne wesenheit
Die mich mit EINEM blicke neu geboren
Kommst du erst wieder in der ewigkeit?

Verändert - fern - zu spät - auf stets verloren!
Du bist mir fremd - ich ward dir nie genannt
Dich hätte ich geliebt - dich die's erkannt.

[Charles Baudelaire, A une Passante. Übersetzung Stefan George]

Orte des Grauens (Teil 2) ...

… Britta ist blond und ganz in Schwarz gekleidet. Die sehr roten Pumps verleihen ihr etwas Fischreiherhaftes. Sie ist Friseuse, nein Friseurmeisterin und Inhaberin des Aquariums in dem ich etwas verlegen sitze. Ihr Meisterbrief von 1990 hängt an der Wand hinter Glas. Schräg gegenüber eine ältere Dame im hellblauen Kostüm der Britta zahllose grüne, rote und blaue Lockenwickler ins frisch gewaschene Haar dreht bevor sie die Kundin unter einer riesigen schwarzen Trockenhaube geschäftig verbirgt. Mir gegenüber sitzt eine wasserstoffblonde, junge Frau mit Strähnen unbekannter Farbe da noch in Stanniolpapier. Sie raucht angestrengt, telefoniert lautstark auf Türkisch und trinkt Kaffee mit fünf Stück Zucker während Muhad sich bemüht, ihren Damenbart haarweise mit einem Bindfaden zu entfernen. Sie trägt mit sehr bunten Perlen bestickte sehr weiße Cowboystiefel mit denen sie mir hin und wieder auf die Füße zu treten sucht. Mehmed kommt die Wendeltreppe herunter, direkt auf mich zu, sein ausdrucksloses Gesicht verzieht sich zur Grimasse, sobald er mich erblickt hat …

Freitag, 1. September 2006

Roll over Beethoven ...

Beethoven goes Podcasting.

Zum gestern gestarteten Bonner Beethovenfest gibts auf DW-WORLD.DE Audio-Dateien sowie ein ausgewähltes Manuskriptangebot: Vier Beethoven-Konzerte und drei Auftragskompositionen hier zum Herunterladen.

Allmacht

Forschen Fragen
Du trägst Antwort
Fliehen Fürchten
Du stehst Mut!
Stank und Unrat
Du breitst Reine
Falsch und Tücke
Du lachst Recht!
Wahn Verzweiflung
Du schmiegst Selig
Tod und Elend
Du wärmst Reich!
Hoch und Abgrund
Du bogst Wege
Hölle Teufel
Du siegst Gott!

[August Stramm: Allmacht, Gedichte, 1915]

August Stramm, wichtigster Dichter und Dramatiker des deutschen Expressionismus, starb am 1. September 1915. Ein enger Freund Oskar Kokoschkas, Franz Marc und Alfred Döblin schrieben engagierte Nachrufe. Kurt Schwitters berief sich auf ihn, Paul Hindemith vertonte ihn, Max Reinhard inszenierte ihn. Arno Schmidt, Ernst Jandl und Gerhard Rühm sind ohne ihn nicht denkbar. Heute ist er vergessen … weitgehend.

Orte des Grauens (Teil 1) ...

Der Raum hat keine zwanzig Quadratmeter, drei Wände sind bodentief verglast. An der einzigen fensterlosen Wand stehen drei Stühle vor Spiegeln, noch zwei Stühle stehen mitten im Raum sich gegenüber, ein Spiegel dazwischen. Ich sitze auf einem davon. Aus dem Spiegel starrt mich eine verzerrte Fratze an, die entfernte Ähnlichkeit mit mir hat ...

Donnerstag, 31. August 2006

Trois mille six cents fois ,,,


Trois mille six cents fois par heure, la Seconde
Chuchote: Souviens-toi!-Rapide, avec sa voix
D'insecte, Maintenant dit: Je suis Autrefois,
Et j'ai pompé ta vie avec ma trompe immonde!

[Baudelaire-Skulptur: Cimetière du Montparnasse, Paris]

Es zischt dreitausend und sechshundertmal von droben:
Erinnre dich! die Stunde. - Eh du's meinst
Zirpt Gegenwart wie ein Insekt: Ich bin das Einst
Und hab mit eklem Rüssel Blut aus dir gehoben.

[Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal,
Gedichtzyklus 1857, Übersetzung Walter Benjamin ]

Mittwoch, 30. August 2006

Vor 63 Jahren ...








[R. Crumb: CRADLE TO GRAVE]

Episode 40: The Deadly Years

Auf Planet Gamma Hydra IV ringen Captain Kirch, Mr. Spoch, Dr. McMoy and Schotty mit dem Tode. Die Crew ist infiziert mit einer bislang unbekannten Krankheit die alle in sogar für die Filmindustrie unglaublich kurzer Zeit altern lässt. Aus für den Zuschauer zunächst unerklärlichen Gründen ist die erste Offizierin Liese das einzige Crewmitglied dem die grassierende Krankheit scheinbar nichts anhaben kann. Ist dies deren Rheinischen Genen geschuldet? Liegt es daran, dass sie immer an ihrem Geburtstag Karnevalslieder sang?

Die Crew bekommt in wenigen Einstellungen und Umschnitten graue Haare, tiefe Falten, Schwächeanfälle und leidet unter multiplem Gedächtnisschwund. Kirk altert am schnellsten von allen und zitiert unvermittelt Franz von Assisi: „Alte Freunde sind wie alter Wein, er wird immer besser, und je älter man wird, desto mehr lernt man dieses unendliche Gut zu schätzen“ - ein dramaturgisch geschickt gesetztes Zeichen rasend schwindender Willenskräfte. Spoch, der erste Wissenschaftsoffizier, ringt verzweifelt um seine Vulkanische Contenance und leidet unter zyklisch wiederkehrendem Alzheimer-Schüben, McMoy dagegen bleibt geistig völlig klar während sein Körper schrumpft und rapide verfällt. Der sonst so unerschüttliche Schotty, der seinen immensen körperlichen und geistigen Verfall nicht mehr ertragen kann, greift zur Pall Mall-Schachtel und binnen kurzer Zeit - nun ... nicht umsonst immerhin lautet der Untertitel der Episode “The Deadly Years”.

Einzig die tollkühne S. Liese, an Bord zuständig für Pinkfarbene Angelegenheiten, Bewegungsspielanalytik und Kölner Brauchtumspflege altert nicht nur nicht, sondern scheint sich durch die wachsenden Herausforderungen in den Unendlichkeiten des Bekannten geradezu zu verjüngen und muss schrittweise alle Aufgaben der Crew übernehmen.

Episode 40 neigt freilich auch hin und wieder zu Längen. Etwa wenn der dritte Hilfswissenschaftler Dr. B. Uster in einem langatmigen Monolog dem tumben Küchensmutje Berti Pflüger seine Theory of Everything versucht zu erklären die durch die Vereinigung von allgemeiner Relativitätstheorie mit der Quantenphysik ein erweitertes Verständnis des Universums erreicht. Der Regisseur löst die verfahrene Situation jedoch mit glücklicher Hand indem er den mit Reinhard Callmund herausragend besetzten Checkov aus der Lounge treten lässt, demenzkrank und Kant reziterend „Mit dem Alter nimmt die Urteilskraft zu und das Genie ab“ wirft er beide kurzerhand durch die geöffnete Luftschleuse in den nächsten Antimaterienebel um sich mit lautem Gebrüll hinterherzustürzen.

Unvergessen jedenfalls die Szene, als sich Mr. Spoch zitternd auf die atomar betriebene Gehhilfe stützt und Mrs. Liese fragt: „Rauchst Du eine mit?“ und die erste Offizielle trocken, ganz Frau der Lage, antwortet: „Nein ich muss das uns bekannte Universum retten“. Bald trifft sie auf Ali B. und seine 40 Altenpfleger, dunkle und geheimnisvolle Herrscher von Gamma Hydra IV, das in Wirklichkeit ein sauteueres von Uli Höhnes finanziertes Sanatorium für alternde Filmstars und Fußballspieler ist. Ali B. will das Universum in einem „Big Crunch“ wieder in sich zusammenstürzen und zu einer Singularität kollabieren lassen in dem er die Antigravitativität der dunklen Energie ausnutzt damit Bayern bis ans Ende aller Zeiten Galaktischer Meister wird.

Das absolute Highlight von Episode 40 ist jedoch die Szene kurz vor dem Schlussduell mit Ali B. als Interims-Captain Liese dem fast gebrochenen und zwischenzeitlich seines Amtes enthobenen Captain Kirk von der Fantribüne von Gamma Hydra IV zur Ermutigung zuruft:

„Alles weed jot! Wenn mir alles jeve.
Alles weed jot! Du wes et erläwe.
Ich jevve niemals op – ich verliere niemolas dä Mot!
Alles weed jot!“

Um kurz darauf trickreich das uns bekannte Universum zu retten und noch einige Planeten mehr. Zum Dank wird sie von der vereinigten Menschheit zum Captain befördert - was ja wohl das Mindeste ist für die Rettung des uns bekannten Universums und noch einiger Planeten mehr.

Verpassen Sie keinesfalls die nächsten 365 Folgen von „Episode 40: The Deadly Years“ exklusiv im Logbuch von Captain S. Liese.

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Seit langen das beste...
Seit langen das beste Gedicht was ich gelesen habe....
Laura Kinderspiel - 12. Nov, 11:30
wow..
..echt "hot" diese Sonnenblumen.. seit langem die beste...
jump - 6. Sep, 11:53
Danke
Danke
huflaikhan - 28. Aug, 08:25
Ich mag sowas ja sehr...
Ich mag sowas ja sehr gerne lesen, vor allem richtig...
huflaikhan - 26. Dez, 16:15
Hatschi
... ok, bin wieder auf dem Boden der Tatsachen.. ;-)
jump - 17. Dez, 19:18
So weit!
Ja genau, also doch schon gar sooo weit ;-).
BusterG - 17. Dez, 00:26
Das ist in der Nordeifel:...
Das ist in der Nordeifel: Heimbach in Nebel und Sonnenschein.
BusterG - 17. Dez, 00:24
Geschätzte Wassertemperatur:...
Geschätzte Wassertemperatur: ca zwei Grad, also vielleicht...
BusterG - 17. Dez, 00:23
Danke
Danke
BusterG - 17. Dez, 00:21
Natürlich ist das ...
... AUCH an Dich gewandt. Ich würde doch sonst nicht...
BusterG - 17. Dez, 00:21

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